Von Hans Adolf Halbey

Wann endlich wird das Publikum den Unterschied zwischen dem „Nichts“ und einem gestalteten Schweigen begreifen? Die nicht-bemalte Leinwand in der jungfräulichen Erwartung des ersten Pinselstrichs – das wäre ein Nichts in Kunst. Hingegen dieselbe Leinwand mit dem gleichmäßigen Auftrag einer weißen oder um das Weiß spielenden Farbe, von Künstlerhand aufgetragen, versteht sich – das wäre ein gestaltetes Schweigen; künstlerisch eben in dem Zwang zur Vorstellung, was denn der Maler auf solche Weise habe verschweigen wollen.

Monsignore Mauer, Leiter der Galerie St. Stephan in Wien, deutet das Monochrome vom Philosophischen her (richtiger: ins Philosophische hinein), indem er beispielsweise vor den monochrom gemalten Tafeln eines Malers namens Arnulf Rainer von den „Überdeckungen“ spricht und als Stützen seiner Deutung philosophische Erkenntnisse von Augustinus bis Descartes zitiert. Das nenne ich einen Avantgardisten der Deutung, der durch das eintönig gemalte Rot oder Weiß hindurchsieht und im Grunde des Unsichtbaren die Spuren des Künstlerischen entdeckt! Durch solche exempla silentiae ist wenigstens die Malerei endlich in jene neuen Bezirke vorgestoßen, die das Schweigen als elementaren Ausdruck der Fülle ausweisen. Es gilt nur zu begreifen: Was in der Wüste der Schrei, das ist im Tumult das Schweigen.

Ohne Frage ist auch eine Gruppe junger Dichter dieser Erkenntnis so nahegekommen, daß gewiß schon morgen die letzten störenden Rudimente der herkömmlichen Dichtkunst, eben die Worte, aus ihren Werken eliminiert sein werden, damit sich das aufgefüllte Schweigen wort- und zeichenlos auszubreiten vermag. In der Publikation „movens“ (Limes Verlag, 1960) ist die Grenz- und Übergangssituation wohl am deutlichsten bezeugt, vor allem dort, wo sich einige mit der Schreibmaschine getippte a’s in bestimmten rhythmischen Intervallen geheimnisvoll auf der Buchseite verteilen. Weniger wäre noch mehr gewesen – hier wäre es Ereignis geworden: das vollkommene Schweigen unter dem Opfergang des schmerzlichen Verzichts, auch auf das letzte getippte „a“.

Die Zeichen der Zeit deuten auf Lärm. Das permanente Geräusch wird zum festen Bestandteil der Luft. Es werden also auch die anderen Künste zu den Müttern hinabsteigen müssen, um den Urlaut der Schöpfung, das allumfassende Schweigen, als eine neue Morgengabe des Orpheus heraufzuholen. Man wird die plappernde Menge dieser archaisch aufgeschwiegenen Fülle konfrontieren müssen, etwa im stillen Drama, um sie sich ihrer Verrohung im Geschwätz bewußt zu machen.

So abwegig ist das nicht mit dem stillen Drama: Der Vorhang öffnet sich, und im leeren Bühnenraum geschieht – nichts. Auch nach zehn Minuten und zwanzig Minuten liegt Schweigen über Szene und Publikum, sofern dieses diszipliniert genug ist, das Geschehen der Bühne, das Schweigen, mit einem von ihm, dem Publikum, rechtens geforderten Schweigen zu quittieren.

Ich gestehe es ein: Das Publikum unserer Tage wäre der Gewalt eines solchen stummen Dramas wohl noch nicht gewachsen, zumal die einzigen bekannten weltlichen Veranstaltungen von organisiertem Massenschweigen, nämlich die Totenehrungen zu Beginn von Tagesordnungen, noch nicht über die Länge von einer Minute hinausentwickelt sind.