Die Dividendenkürzung der Harpener Bergbau AG, Dortmund, ist nicht die einzige im westdeutschen Steinkohlenbergbau. Es gibt noch wesentlich schlechtere Kohle-Abschlüsse in dieser Saison; denn das Geschäftsjahr 1961 – und mehr noch das laufende Jahr – war für die Zechengesellschaften an der Ruhr ganz erheblich schlechter als das vorangegangene. Die Absatzlage hat sich im Berichtszeitraum erneut verschärft, und vor allem hat sich das Ertragsbild der Zechen nicht nur verschlechtert, sondern zum Teil kann von einem erwirtschafteten Ergebnis überhaupt nicht mehr die Rede sein. Gemessen an den Nachrichten von anderen Bergwerksunternehmen ist man sogar versucht, den Harpen-Bericht als relativ günstig anzusehen – wobei allerdings das eindeutige Schwergewicht auf dem Wörtchen „relativ“ liegt. Die Harpener Bergbau AG hat tatsächlich merklich schlechter abgeschnitten als im Jahr zuvor. So gesehen könnte es eigentlich sogar überraschen, daß diese, was die Ausschüttungspolitik anbelangt, keineswegs zimperliche Gesellschaft es mit einer Dividendenkürzung um 1 % bewenden läßt. Nach zwei dividendenlosen Jahren hatte Harpen für 1960 das Kapital erstmals wieder mit 6 % verzinst; nunmehr wird der Hauptversammlung eine Dividende von 5 % vorgeschlagen. Dazu erklärt die Verwaltung diese Ausschüttung sei tatsächlich verdient worden. Das sieht zunächst zwar nicht so aus, denn um den gleichen Betrag von 6,38 Mill. DM, der für die Dividende bereitgestellt werden muß, sind die Rücklagen verringert worden. Aber das sei nur geschehen – so hieß es in Dortmund – um Sonderabschreibungen, ebenfalls in Höhe von 6,3 nach 10,8 Mill. DM, vornehmen zu können; man habe die Möglichkeiten der Steuereinsparung ausnutzen wollen. Auf diesem Wege hat Harpen in den letzten Jahren jetzt immerhin mehr als 15 Mill. DM der freien Rücklage entnommen; in diesem Vorgang spiegelt sich durchaus die Ertragsentwicklung wider. Für das vergangene Jahr hat Harpen 10,1 (12,3) Mill. DM Ertragssteuern zu zahlen. Da die „steuersparenden Sonderabschreibungen“ im Vorjahr wesentlich höher waren als im Berichtszeitraum, dürfte hierin ein Indiz für einen echten Ertragsrückgang liegen.

Nach Gründen für diese Situation braucht man gar nicht erst zu suchen. Abgesehen davon, daß das Unternehmen für eine geringfügig verringerte Belegschaft im vergangenen Geschäftsjahr über 6 % höhere Löhne und Gehälter zahlen mußte, hat im wesentlichen der Kohlenmarkt das Bild bestimmt. Der Umsatz der Gesellschaft ist auf 430 (460) Mill. DM zurückgegangen. Der Kohlenabsatz brachte im Berichtszeitraum nur noch 118,4 (136,1) Mill. DM, der Koksabsatz 189,2 (199,1) Mill. DM, und auch die vielgepriesene Kraftwirtschaft blieb mit einem wertmäßigen Umsatz von 3,5 Mill. DM unter dem Niveau des Vorjahres. Die Kohlenhalden der Harpener Bergbau AG nahmen im Berichtsjahr um 10,2 und die Kokshalden sogar um 32,5 % zu. Von Fördereinschränkung kann bisher bei dieser Zechengesellschaft noch nicht die Rede sein. Der Abstand zu den Höchstzahlen – die sogar zum Teil erst während der Kohlenkrise erreicht wurden – ist hier vergleichsweise geringer als im Ruhrdurchschnitt. Das ist nicht nur ein Ergebnis des anhaltenden Leistungsanstiegs – die Untertageschichtleistung ist auch im Berichtsjahre erneut um 7 % verbessert worden und liegt mit 2282 kg nach wie vor über dem Durchschnitt der Ruhr –, sondern vor allem ein Indiz dafür, daß die Dortmunder Verwaltung ganz sicher optimistisch gewesen ist in der Beurteilung der Kohlenkrise.

Als Versorgungszeche der französischen Sidechar-Gruppe hat Harpen den nachhaltig verringerten Marktchancen der Kohle zu wenig Beachtung geschenkt. Zwar haben sich gerade im vergangenen Jahr die Kohlen- und Kokslieferungen an die in der Sidéchar zusammengeschlossenen französischen Hüttenwerke als bedeutender Rückhalt für die Dortmunder Zechengesellschaft erwiesen, aber neben den 37 (36) % des Kohlenabsatzes und 63 (57) % des Koksabsatzes, die der Großaktionär in Frankreich abgenommen hat, sollte auch die übrige Produktion ihren Markt finden. Sonst können „die Kohlen nicht stimmen“, und das ist bei Harpen in der Tat das Problem. Kokshalden beispielsweise, die einer Produktion von nicht weniger als 111 Tagen entsprechen, sind nicht mehr nur mit der Hoffnung auf bessere Tage zu diskutieren. Anpassung der Förderung und der Erzeugung an die Absatzmöglichkeiten ist aber jetzt auch bei Harpen das Thema Nr. 1. Daß ausgerechnet jetzt neue Lohnerhöhungen im Bergbau vor der Tür stehen, macht die Suche nach Kostenentlastungen erst recht dringlich. Nicht einen Pfennig Lohnerhöhung könne die Gesellschaft verkraften – wurde in Dortmund gesagt –, aber danach wird sie wohl kaum gefragt werden. Nmn.