Washingtons neues Selbstvertrauen

Von Marion Dönhoff

Washington, im Juni

Als Konrad Adenauer 1955 in Moskau eher versonnen als fragend sagte: „Wie wohl die Welt in hundert Jahren aussehen wird?“, da stieß Chruschtschow sofort zu. Wie aus der Pistole geschossen kam seine Antwort: „Wir können Ihnen das genau sagen, denn Marx hat es uns genau beschrieben Wir Korrespondenten, die den Bundeskanzler damals begleiteten, lachten zwar über diese Bemerkung, aber gleichzeitig war uns doch auch ein wenig gruselig zumute: Welch ungeheure Stärke, wenn ein System so sicher sein kann, im Einklang mit der Geschichte zu leben!

Genau dieses Gefühl besorgten Gruseins war es, das in den ersten Jahren nach dem Kriege viele Europäer, vor allem Deutsche, nach Australien, nach Südamerika oder Nordamerika auswandern ließ. Ihnen war es in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kommunisten, die eben erst die Grenzen ihres Machtbereichs tausend Kilometer nach Westen vorgeschoben hatten, zu ungemütlich. „In 24 Stunden rollen die bis zum Atlantik durch“ – das war eine vom Krieg geprägte Vorstellung die bis in die fünfziger Jahre hinein viele Deutsche bedrückte.

Auch in den Vereinigten Staaten lief damals das Wort um vom nibbling away, vom „Abknabbern“. Ganz Osteuropa war nach und nach verspeist worden, China, Nordkorea, Nordvietnam folgten – der Kommunismus hatte sich allmählich und unaufhaltsam weitergefressen. Eindämmen hieß darum das Stichwort in den USA, wenigstens eindämmen. Auf mehr konnte man nicht hoffen. Als Eisenhower 1952 die Regierung übernahm, war zwar viel die Rede von Rollback und Liberation, von zurückrollen und befreien – aber das waren militärische, nicht politische Vorstellungen, die sich sehr bald in den Dunst auflösten, dem sie entsprungen waren. Was zurückblieb, war ein Gefühl der Führungslosigkeit und des Preisgegebenseins.

Heute ist von diesem Gefühl nichts mehr zu spüren. Ich war zuletzt vor fünfzehn Monaten in Washington, und ich war jetzt verblüfft über die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr vollzogen haben; verblüfft über das hohe Maß an Vertrauen in die eigene Kraft und über den Wandel von einer rein defensiven Geisteshaltung zu offensivem politischem Denken. Für den „Mann in der Straße“ war dieser Wandel bewußt oder unbewußt mit dem Raumflug von Oberst Glenn verknüpft, der den schrecklichen Verdacht, Amerika sei heimlich von den Russen überrundet worden, so sichtbar widerlegte. Für das politische Washington aber hat von den vielen Politikern, Diplomaten und Kommentatoren, die ich sprach, niemand die Gründe für jenen Wandel so überzeugend analysiert wie Professor Walt Rostow, der Leiter des Planungsstabes im State Department. An ihn, einen ungewöhnlich eindrucksvollen, liebenswürdigen Mann von hohem politischem Geistesflug, der sich mit der langfristigen und mittelfristigen Planung der amerikanischen Außenpolitik beschäftigt, richtete ich die Frage: „Arbeitet die Geschichte eigentlich für uns oder gegen uns? Sind wir im Einklang mit der Geschichte oder die anderen?“