Von Arno Schmidt

Da entnehme ich dem Regal als erstes einen Band aus jener Zeit, als der greise Kanzler noch Bismarck hieß: Der hat 292 Normalseiten, auf dem Deckel ein buntes Bild mit einem Indianer, einem Jäger und einem Hirsch; und darüber steht schlicht

LEDERSTRUMPF

– sonst nichts (auf dem Buchrücken sogar „Oskar Höcker, Lederstrumpf“!), und zehn Prozent der Papierfläche sind noch für Illustrationen draufgegangen: so weit war sie schon einmal eingeschrumpft, die Leatherstocking-Saga mit ihren dreitausend Seiten!

Nun kann man natürlich einen sehr erhabenen Standpunkt einnehmen und dekretieren: das sei eben das Kennzeichen aller Großen, daß ihr Oeuvre sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr reduziere, ja, schließlich beim Ein-Wort-Begriff lande. Da würde dann eben Darwin „der mit dem Affen“; und Zeppelin sei nun einmal das, was silberfischchenmäßig, über fernen Staubwäldern, Reklame fliegt für Trumpf oder Dujardin. In Wahrheit ist dergleichen Verfahren weder vergeßlich noch undankbar; sondern der Kenner weiß es schon: Es wird fast immer Unbequem-Unangenehmes erst „erniedrigt“, dann ganz „verdrängt“. (Bei „Gullivers Reisen“ zum Beispiel ist die Schrumpfung auch weit vorgeschritten; da entsetzt sich vielleicht mancher, der, verwöhnt vom Kinderbilderbuch, später einmal, aus Versehen, (das Original in die Hand bekommt!)

Bei den US-Amerikanern nun wurde James Fenimore Cooper dergestalt absichtlich aus dem Bewußtsein der Nation entfernt, deren Porträt er allzugut „getroffen“ hatte. Unangenehmste Wahrheiten aus der Frühzeit von „Gottes eigenem Land“ finden sich bei ihm fixiert: die ewig schnitzelnden und spuckenden Yankee-Schlackse; die Wettbewerbe, wer die Mondscheinsonate am schnellsten spielen könne; die größenwahnsinnige Einbildung, daß im Raum zwischen Connecticut und New Frisco nicht nur Cornedbeef (was speziell ich gar nicht unterschätze), sondern auch „die Kunst allgemein“ gediehe wie sonst nie und nirgends auf der Welt. Cooper nämlich, geschult durch einen siebenjährigen, sorgfältigst genützten Europa-Aufenthalt, hatte seine Landsleute unmißverständlich dahingehend bedeutet: daß die nordamerikanische Kultursumme seiner Zeit noch ein erbärmlich kleines Lichtstümpfchen wäre, verglichen mit der der Alten Welt. Und bei den Deutschen speziell ist Cooper über Karl May vergessen worden, der (abgesehen von zwei bedeutenden Spätwerken) einfach ein megalomanischer Schwadroneur ist und „keine Ahnung“ hatte, weder von amerikanischer Landschaft noch Kultur- oder sonstiger Geschichte.

Dabei gäbe es ja doch schier nichts Wichtigeres für uns, als im Bilde zu sein über die paar großen herrschenden Völker unseres Kügelchens. Und wenn man es selbstverständlich keiner breiteren Leserschicht zumuten kann, die zehn Bände Bancroft durchzuarbeiten (und von da aus dann langsam weiterzugehen), so wird uns eine Kenntnisnahme von Entstehung und Wachstum der USA dadurch leicht gemacht, daß es James Fenimore Cooper gibt: Er war und hat uns unvergleichlich unterrichtet! Nicht nur über seine 1789–1851; von seinen 34 Romanen – und er hat überdem noch eine ganze Anzahl historischer und Reisewerke verfaßt – ist die Hälfte mit der ausdrücklichen Absicht geschrieben, Landschaft und Geschichte, Völker, Sitten, Trachten, Geräte seines Vaterlandes für die Nachkommen zu fixieren, Gutes und Größtes und Peinliches und Albernes: alles. Es gibt schlechterdings keinen besseren und müheloseren Zugang zum Verständnis der Mentalität der USA, auch ihren Ereig- und Erleidnisser., als das Gesamtwerk Coopers.