München

Bayerns Metropole, ein hochverschuldetes und demzufolge ziemlich sparsam wirtschaftendes Unternehmen, wurde jetzt auf einen Schlag um 50 000 Mark ärmer: Das Plenum des Münchner Stadtrats beschloß einstimmig, der Gemeinde Offenstetten ein Denkmal zu schenken.

Diese Gemeinde Offenstetten liegt im Niederbayerischen. Einschlägigen Handbüchern ist zu entnehmen, daß Offenstetten 848 Einwohner hat, eine Poststelle, keine Eisenbahnstation, eine Volksschule, kein Amtsgericht, ein katholisches Pfarramt. Von nun an darf sich Offenstetten eines Denkmals rühmen, wenngleich noch nicht als sicher gelten kann, daß das Monument auch den Geschmack der Offenstettener trifft.

Es handelt sich um einen Bronzeguß bedeutenden Formats, darstellend eine menschliche Figur mit seltsam gespreizten Beinen. Darüber ein bäuchiger Leib, der einem Moorbad entstiegen zu sein scheint, und noch höher ein finsteres Pfannkuchengesicht mit sehr spitzer Nase. Der erzene Unhold verewigt den Freiherrn Wigulaeus Aloysius von Kreittmayr.

Dieser Freiherr kann gegen das Standbild nicht protestieren; er starb am 27. Oktober 1790 und ging in die Geschichte ein als kurbayerischer Kanzler. (Zum Königreich wurde Bayern erst 1805 erhoben, von Napoleon, als Dank für treue Dienste). Des Freiherrn Meriten auf dem politischen Sektor waren allerdings dürftig; hingegen hat er als Jurist bis heute Unvergessenes geleistet.

Die Bayerische Staatszeitung, das offizielle Organ der Landesregierung, rühmte ihn vor nicht allzu langer Zeit ehrfürchtig: „Die gewaltige Arbeitskraft, die Kreittmayr in den Stand setzte, sein Gesetzgebungswerk ohne nennenswerte Vorbilder neben seinen sonstigen beruflichen Lasten in der kurzen Zeit von sechs Jahren abzuschließen, kann nicht genug bewundert werden.“ Und am Hause Burgstraße 12 im Zentrum der Isar-Metropole kündet eine Tafel, hier sei Kreittmayr gestorben: „Verfasser der bayerischen Rechtsbücher, der das Recht klarer und das Strafrecht menschlicher machte.“

Ein Blick in des Freiherrn Hauptwerk, den Codex Juris Bavarici Criminalis, weckt freilich gewisse Zweifel an der Berechtigung solcher Huldigungen. Kreittmayrs Verdienst bestand beispielsweise darin, daß er im Jahre 1751 exakteste Anweisungen über die Technik des Folterns ersann. Sein Codex schreibt außer dem ersten, zweiten und dritten noch einen „höchst- und schärffesten Gradus“ vor, nämlich: „Wann nebst der Spitz-Ruthen auch die Leib-Gürtel, oder bei der letzteren Reiteration gar der Bock gebrauchet wird.“