Zur Versachlichung der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen fordert der Bundeswirtschaftsminister ein unabhängiges Sachverständigengremium. Der Bundeskanzler hält einen großen Rat der Interessenorganisationen, einen „Bundeswirtschaftsrat“, für besser. Wirtschaftsräte hat es auch in Deutschland in der Vergangenheit schon einige gegeben. Sie sind gescheitert.

Seit einigen Wochen wird wieder über einen Bundeswirtschaftsrat gesprochen. Die Meinungen über das Für und Wider prallen aufeinander. Man erinnert sich an den „Vorläufigen Reichswirtschaftsrat“ der Weimarer Republik, der scheiterte, und viele Argumente, die seit den harten Auseinandersetzungen der Jahre von 1948 bis 1952 um die überbetriebliche Mitbestimmung in Vergessenheit geraten waren, werden erneut vorgetragen. In dieser Situation scheint es notwendig, sich auf die Terminologie zu einigen und sich ganz nüchtern die Geschichte der Wirtschaftsräte wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Mit dem Begriff „Wirtschaftsrat“ werden heute sehr unterschiedliche Vorstellungen verbunden. Auch die Ziele, die mit dem Wunsch nach Errichtung eines Bundeswirtschaftsrates verfolgt werden, gehen im einzelnen ebenso weit auseinander wie die Argumente, mit denen diesen Bestrebungen entgegengetreten wird. Dennoch ist es möglich, eine Definition zu geben, die ungeachtet aller politischen und wirtschaftspolitischen Gegensätze die Chance hat, allgemein anerkannt zu werden.

Allen Befürwortern der Errichtung eines Bundeswirtschaftsrates ist das Ziel gemeinsam, den Auffassungen der in Verbänden und Organisationen zusammengefaßten Gruppen und Einzelnen in der Gesetzgebung und in der Verwaltung des Staates Anerkennung zu verschaffen. Diesem Ziel soll eine Körperschaft dienen, deren Zusammensetzung überwiegend von wirtschafts- und sozialpolitischen Erwägungen bestimmt ist. Die Aufgabe der Mitglieder eines Wirtschaftsrates ist es, innerhalb dieser Institution die Interessen der von ihnen vertretenen Gruppen wahrzunehmen und in gemeinsamer Beratung einen Ausgleich zwischen den organisierten Kräftegruppen unter dem Gesichtspunkt des Interesses aller zu erarbeiten, auch der am Wirtschaftsleben nicht unmittelbar Beteiligten.

Vorbilder für eine solche Institution gab es und gibt es heute noch in nicht geringer Zahl. Friedrich Glum führte in seiner Arbeit über den deutschen und französischen Reichswirtschaftsrat (Leipzig und Berlin 1929) schon Wirtschaftsräte in Frankreich, der Tschechoslowakei, Polen, Japan, Spanien, Italien, der Türkei und Jugoslawien an. Die meisten dieser Wirtschaftsräte haben den zweiten Weltkrieg nicht überstanden; nach dem Kriege wurden unter anderem in den Niederlanden und in Belgien Wirtschaftsräte errichtet.

In Deutschland gab es schon im Jahre 1880 einen Wirtschaftsrat. Auf Grund der Verordnung vom 17. November 1880 wurde der Preußische Volkswirtschaftsrat ins Leben gerufen. Er war als Vorläufer eines Reichswirtschaftsrates gedacht und geplant. Die Aufgabe seiner 75 Mitglieder, die zu drei Fünfteln von den Handelskammern, den kaufmännischen Korporationen und den landwirtschaftlichen Vereinen gewählt wurden, war es, Regierung und Parlament begutachtend und beratend bei der Abfassung der Gesetzesvorlagen mit wirtschaftlichen Auswirkungen zu unterstützen. Eine lange Dauer war dem Volkswirtschaftsrat nicht beschieden. Der Plan einer Ausdehnung auf das Reich scheiterte, und schon nach vier Sitzungen wurde er im Jahre 1887 aufgelöst.

Die in den Jahren 1884, 1889 und 1903 von den Sozialdemokraten vorgetragene Forderung, paritätisch zu besetzende Arbeitskammern einzurichten, wurde 1905 von dem Kongreß der Freien Gewerkschaften in Köln aufgegriffen, und im Jahre 1908 legte die Regierung sogar den Entwurf eines Gesetzes über die Einrichtung von Arbeiterkammern vor; diese Bestrebungen führten vorerst zu keinen greifbaren Ergebnissen. Erst 1916 gewann der Gedanke erneute Aktualität. Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst begründete ein Mitwirkungsrecht der Arbeitnehmer, und 1917 schlug Wichard von Moellendorf den Umbau der Ersten Preußischen Kammer in einen Wirtschaftsrat vor. In diesem Jahre entstand auch das Reichswirtschaftsamt, das später den Namen Reichswirtschaftsministerium erhalten sollte. Bei ihm wurde schon 1919 ein von Arbeitnehmern und Arbeitgebern paritätisch besetzter Beirat eingerichtet Daneben bildete sich im November 1918 die mit den Namen von Hugo Stinnes und Karl Legien verbundene Zentral-Arbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands, die jedoch in den folgenden Jahren rasch an Bedeutung verlor.