Das Paradies begnügt sich mit einem einzigen Tor, an dem der heilige Petrus die Ankömmlinge mustert. Ob er von Fall zu Fall den passenden Paragraphen nachliest, bevor er den Knopf drückt, auf daß sich die Pforte des Paradieses öffne, und ob gleichzeitig in der Zentralkartei automatisch Eintragungen über Alter, Staatsbürgerschaft, Beruf und dergleichen mehr aus der soeben beendeten irdischen Existenz des Einlaßsuchenden erfolgen, haben die alten Texte nicht festgehalten.

Besser bekannt sind die Bedingungen für die Zulassung ausländischer Unternehmen in das schweizerische Steuerparadies. Es hatte früher zwei, jetzt bereits drei Pforten. Die Markierpfeile auf der Zufahrtsstraße tragen die Aufschriften „Holding“, „Domizilgesellschaft“, beziehungsweise „GmbH“. Außerdem stehen der Strecke entlang, wie bei den Autobahnen, Reklametafeln, auf denen die einzelnen Kantone die gebotenen Vorteile anpreisen, wie „gut bürgerliche Gesinnung“ und „auserlesene Steuererleichterungen“. Die meisten ausländischen Finanzgruppen kehren dann in bestimmten Kantonen, vorzugsweise in Zug oder in Glarus, ein, oder... fahren bis ins benachbarte Fürstentum Liechtenstein. In letzter Zeit kommt auch Genf stark auf, weil sich dort ein amerikanisches Wirtschaftszentrum entwickelt und zahlreiche Industrieunternehmen ihre europäische Direktion, manche sogar eine Zentralstelle für die Wahrnehmung ihrer gesamten außeramerikanischen Interessen, in der Rhonestadt eingerichtet haben.

Obschon es sich bei allen diesen Gesellschaften um Gebilde handelt, die meist zu 100 % Ausländern gehören und die aus dem Ausland geleitet werden, unterliegen sie der schweizerischen steuerlichen und handelsrechtlichen Gesetzgebung. In steuerrechtlicher Hinsicht ist dies den Ausländern sehr erwünscht; deshalb kommen sie ja in die Schweiz. Aber auch in bezug auf das Handelsrecht ist die Schweiz sehr liberal, was aber nicht besagt, daß sie Mißbräuche auf Kosten von Drittländern oder reine Steuerschiebungen zuläßt.

Eine Holding ist nach schweizerischem Recht eine Dachgesellschaft, die keine eigene produktive Tätigkeit ausübt, hingegen Beteiligungen am Kapital anderer Unternehmen erwirbt, verwertet, verwaltet usw. Diese müssen einen zwar dauerhaften Charakter haben, aber nicht unbedingt eine Aktienmehrheit darstellen. Die Holding entscheidet selber, ob sie das Stimmrecht ihrer Aktien ausüben will oder nicht. Eine Holding darf auch Darlehen gewähren, die Lizenzen der gründenden Gesellschaft verwerten, somit eine finanzielle oder kommerzielle Tätigkeit ausüben. In der Praxis wird aber verlangt, daß sie auch dies nur im Rahmen der direkten Interessen des ausländischen Mutterunternehmens oder der Konzerngesellschaften, nicht aber für Rechnung außenstehender Geldgeber, Lizenzinhaber usw. tut.

Demgegenüber darf eine Domizilgesellschaft gar keine konkrete Tätigkeit ausüben. Sie ist nur „Adresse“, um eine steuertechnische Zugehörigkeit festzuhalten, und um einen Ort für die Jahresversammlung der Aktionäre zu bestimmen. Während also die Holdinggesellschaft unter Umständen ein zahlreiches, fachmännisch hochwertiges Personal beschäftigt, besteht die Domizilgesellschaft im „physischen Sinn“ meist nur aus einer Firmentafel an der Eingangstüre eines Rechtsanwaltes. Dieser erhält die amtlichen Mitteilungen (sonst kaum einen Brief im Jahr, hat er doch keine laufenden Arbeiten zu besorgen), er fertigt die Sitzungsprotokolle des Verwaltungsrates und der Jahresversammlung aus, läßt sie oft bei den Unterschriftsberechtigten bloß mit der Post der Reihe nach zirkulieren und legt dann das Stück sauber zu den Akten, auf das vorletzte Protokoll. Damit ist dann ein Geschäftsjahr abgeschlossen.

Um die Jahrhundertwende lebte in Zürich ein angesehener Finanzberater, namens Keller-Huguenin. Er dürfte begütert gewesen sein und kaufte sich im nahe gelegenen Kanton Zug einen Sommersitz. Die Stadt fand er anmutig, die Verkehrslage war günstig und – was ausschlaggebend werden sollte – die führenden Persönlichkeiten der kantonalen Verwaltung, mit denen er bald persönlich befreundet wurde, zeigten einen aufgeschlossenen Verwaltungs- und Geschäftsgeist. Er schlug ihnen daher vor, Steuererleichterungen für ausländische Holding- und Domizilgesellschaften einzuführen. Sie würden in das zu jener Zeit mehr als ruhige Städtchen etwas Geschäftsleben bringen, Arbeit für die Rechtsanwälte und Notare, Gäste für die Hotels, direkte Steuern für die Stadt und den Kanton und indirekte Einkommen dank eines allgemeinen Aufschwungs. Man ging darauf ein, und bald verbreitete sich im Ausland die Erkenntnis, daß man in Zug vorteilhaft eine „Stützpunkt-Gesellschaft“ gründen könne.

Obschon später auch andere Kantone die Steuerpolitik von Zug nachahmten, blieb dessen Anziehungskraft unerreicht. Warum? Weil die dortigen Advokaten und Steuerbehörden inzwischen eine große Erfahrung mit solchen Unternehmen erworben hatten. Auch für komplizierte Tragen bestehen meist Präzedenzfälle; bei einer etwaigen Kontroverse genügt es also, einen früheren Vertrag, ein früheres Gerichtsurteil nachzulesen, um den Fall rasch und ohne große Auslagen zu erledigen. Für Geschäftsleute hat Zug als Sitz noch den Vorteil, daß es kaum eine Autostunde vom größten Flughafen der Schweiz, Kloten, entfernt ist. Man kann sehr wohl in Zug eine Sitzung mit den Geschäftspartnern abhalten – der ständige Vertreter sorgt für eine Sprechstunde bei der Steuerbehörde – und noch am gleichen Tag kann der ausländische Geschäftsmann den Rückflug antreten. Zug genießt also einen goodwill, wie der Photohändler neben einer touristischen Sehenswürdigkeit. Es bietet nicht mehr als einige andere schweizerische Kantone, wird aber doch vorzugsweise zum Sitz bestimmt. Allein im Jahre 1961 entstanden in Zug 274 neue Holding-, Domizilgesellschaften und GmbH-Unternehmen, wobei die weitaus größte Anzahl auf die Domizilgesellschaften entfiel.