Aber mit der Produktivitätsthese läßt sich der „tragbare“ Anteil nicht errechnen

Von Hermann Riedle

Der schillernde Produktivitätsbegriff, der die Lohndiskussion heute regiert, wird auf drei verschiedenen wirtschaftlichen Ebenen angetroffen:

  • Einmal spricht man von der Produktivität im Betrieb (gemeint ist dabei die Leistung der eingesetzten Arbeitskräfte oder des Kapitals),
  • zum anderen untersucht man auch Produktivitätsveränderungen in einer Branche (gemessen an den Umsätzen, den Erträgen, dem Ausstoß), und
  • schließlich hält man ein Produktivitätsmaß im volkswirtschaftlichen Bereich (darunter wird meist die Gesamtproduktion an Gütern und Dienstleistungen verstanden). Der Begriff, noch einigermaßen sinnvoll und verständlich, wenn man ihn im betrieblichen Rahmen verwendet, wird immer fragwürdiger, je „höher“ man in der volkswirtschaftlichen Betrachtung aufsteigt.

Am einfachsten läßt sich Produktivität dort erklären, wo wir mit ihr die Leistung einer Arbeitskraft messen. Eine Näherin, die z. B. 24 einfache Blusen pro Tag nähte, nun; aber plötzlich 28 fertigt, steigert ihre Produktivität um rund 16,5 %. Ein Postbote der 250 Haushaltungen pro Tag bediente, dann aber 300 „Kunden“ übernimmt, steigert seine Produktivität um 20 %. Echte menschliche Leistungsunterschiede, bestimmt durch Ausbildung, Übung, Technik und Fleiß, führen immer zu Produktivitätsdifferenzen. Diese Leistungsunterschiede stehen in der modernen Lohnbemessung im Mittelpunkt der betrieblichen Untersuchungen, versucht man doch, durch eine Verfeinerung der Arbeitsplatz- und Leistungsbewertung den menschlichen Produktivitätsunterschieden gerecht zu werden-und also den richtigen Lohn zu finden (die Gewerkschaften unterstützen diese Bemühungen nicht, sonderlich). Doch davon soll hier nicht die Rede sein.

Testfall VW-Werk

Anhand eines Betriebes mit einer nicht allzu differenzierten Produktion wollen wir eine Prüfung der Produktivitätsthese vornehmen. Zu einem kritischen Urteil gelangt man am besten, indem man die verschiedenen Produktivitätsbegriffe untersucht und sie dann nach ihrer Aussagekraft für die Lohnfindung bewertet. Es handelt sich bei der Darstellung dieser betriebswirtschaftlichen Größen um Beziehungen, die dem Fachmann zwar geläufig sind, dem Laien aber unter Umständen ein bißchen Kopfzerbrechen machen können.