Die 59. Versammlung des Internationaler Olympischen Komitees (I.O.C.) fand in Moskau statt. Zu ihrer letzten Sitzung im Jahr zuvor, waren die Olympier an einem ihnen gemäßeren Ort, in Athen, zusammengekommen. Damals war das alte, schlichte Stadion in der Altis von Olympia – von deutschen Archäologen, den Nachfahren Dörpfelds und Curtius’ freigelegt – mit einer festlichen Rede Carl Burckhardts feierlich: übergeben worden. Über der Versammlung der Erlauchten in Athen aber hing wie ein Damoklesschwert das Hauptberatungsthema: das Amateurstatut.

Diesmal tagten sie in Moskau. Schon die Wahl dieser Stadt ist kennzeichnend für die Schwierigkeiten, in die das moderne Olympia, verstrickt in die großen Händel der Weltpolitik, geraten ist. 30 Jahre lang waren die Sowjets die erbittertsten Gegner dieses Weltfestes eines „dekadenten Bürgertums“ gewesen. Aber nach dem 2. Weltkrieg wurde die einmalige Propagandachance, die im Sport und in den Olympischen Spielen ruht, von den Sowjets erkannt. Das Ziel – der Sieg in der Nationenwertung, vom I.O.C. ja offiziell abgelehnt – wurde in kürzester Frist erreicht. Was konnte eindringlicher die scheinbar unwiderstehliche Kraft des Kommunismus in aller Welt demonstrieren? Und ausgerechnet in Moskau appellierte nun das I.O.C. an die internationale Sportpresse, bei olympischen Spielen keine Länderwertung mehr zu veröffentlichen. Nicht einmal in der westlichen Welt wird diese Bitte Gehör finden, erst recht nicht in den Ostblockländern – es sei denn, die Russen würden in Tokio von den Amerikanern geschlagen. Nur einmal wurden die Herren des I.O.C. ernstlich böse und bereiteten den Russen eine schwere Abstimmungs-Niederlage, dann nämlich, als diese ihnen mit ihrem „Demokratisierungsplan“ buchstäblich an den Kragen wollten.

Die Exklusivität der Olympier, die ihre Mitglieder auf Lebenszeit selbst hinzuwählen, sollte durch ein „demokratisches“ Funktionärssystem erheblich beeinträchtigt werden; die Präsidenten der Nationalen Olympischen Komitees und die Präsidenten der Internationalen Fachverbände sollten automatisch ins I.O.C. aufrücken. Damit würde der Ostblock automatisch größeren Einfluß gewinnen.

Der Schweizer I.O.C. Kanzler Mayer meinte bei einer Pressekonferenz lakonisch: „Drei Institutionen in der Welt haben dieses ‚undemokratische‘ Wahlsystem – das Rote Kreuz, der Vatikan und das Internationale Olympische Komitee – und diese drei haben als einzige alle Stürme der Zeit überdauert.“ 103 Mitglieder hat das I.O.C. bereits. Nach den Gesetzen Parkinsons wird ein Gremium um so machtloser, je größer die Zahl seiner Mitglieder ist. Wenn es nach den Russen gegangen wäre, so hätte sich die Zahl der I.O.C.-Mitglieder verdoppelt.

Für uns Deutsche brachte Moskau – sagen wir vorsichtig – die Wahrscheinlichkeit, daß auch in Innsbruck und Tokio wieder eine gesamtdeutsche Mannschaft starten wird. Niemand jubelt darüber. Diese Mannschaft wird hinter einer Kompromißflagge hermarschieren und sich eine Kompromißhymne anhören. Im übrigen muß sie getrennte Wege gehen, weil Pankow es so befiehlt. Politisch gesehen ist diese gesamtdeutsche Mannschaft, der Ritter von Halt zustimmte, ein Erfolg der Bundesrepublik. Die Sowjetzone kann dadurch im I.O.C. immer noch nicht als selbständiger Staat auftreten.

Wie Moskau seinen Satelliten aber Schützenhilfe gibt, zeigte der Appell des russischen Vertreters an das deutsche Nationale Olympische Komitee, es möge doch den Deutschen Sportbund veranlassen, das Verbot des Sportverkehrs mit der DDR wieder aufzuheben. Der Abbruch der Sportbeziehungen mit der Zone nach der brutalen Teilung Berlins erweist sich auf dem Manövrierfeld des internationalen Sports immer mehr als schweres Handikap solange dort die Fiktion der Trennung von Sport und Politik aufrecht erhalten wird.

Es sieht ganz so aus, als ob der Sowjetzonen-Sport die gleiche Taktik gegenüber dem Deutschen Sportbund einschlägt, die den Sowjetrussen die Erfolge über die Amerikaner brachte: jene olympischen Sportarten mit allen Mitteln zu unterstützen, in denen der Gegner schwach ist. Das Ziel der „DDR“ wird es sein, bis 1964 für die gemeinsame Mannschaft mehr Teilnehmer zu stellen als die Bundesrepublik. Erreicht sie dies, dann fallen ihr bestimmte Führungsposten, wie der Chef de Mission, ohne weiteres zu, und andere würden gefordert werden. Will der Sportbund diesen Zweikampf gewinnen, muß er dafür sorgen, daß in einer Reihe von olympischen Sportarten – zum Beispiel beim Geräteturnen und beim Boxen – endlich nach modernsten Methoden trainiert wird.