Am 13. Juni feierte ein Mann seinen 65. Geburtstag, der schon zu Lebzeiten zu einer Legende geworden ist. „Ich bin doch keen Nurm“ pflegte ein Berliner zu sagen, der das Gefühl hatte, man verlange doch etwas zu viel von ihm – ehe Redewendung, die sich in vielen Sprachen der Welt wiederholte.

Noch heute ist der in Turku (dem früheren Abo) geborene Paavo Nurmi der erfolgreichste Läufer der olympischen Geschichte. Er sammelte auf dem großen Fest des Sportes von 1920 bis 1928 in Antwerpen, Paris und Amsterdam neun olympische Goldmedaillen, sechs davon in Einzelwettbewerben, drei für die Erfolge seiner finnischen Mannschaft beim Querfeldein- und Hindernislauf – überdies brachte er noch vier Silbermedaillen nah Hause.

Sein größtes olympisches Jahr hatte Nurni 1924, als er auf der roten Aschenbahn des Stadions von Colombes die 1500 und 5000 m innerhalb von einer Stunde gewann – beide Strecken in olympischer Rekordzeit! So etwas hatte man vorher einfach für unmöglich gehalten. Aber Paavo übertraf diese Leistungen noch: in jenen grausamen Rennen, das als die „Sonnenschlacht von Colombes“ in Sie olympische Geschichte eilging. Der Cross-Country-Lauf führte bei glühender Hitze über eine ungewöhnlich schwere Strecke. Viele Läufer gaben erschöpft schon im Gelände auf, und fast alle, die taumelnd das Ziel erreichter, brachen hinter dem Band zusammen. Nur Nurmi passierte es unberührt mit weitem Vorsprung vor allen anderen. Ohne jedes Zeichen der Anstrengung ging er in seine Kabine. Seitdem nannte man den Finnen ein Phänomen.

Nurmi beherrschte in jenen zwanziger Jahren seine Gegner meist so überlegen, daß er mit ihnen gar nicht zu kämpfen brauchte. Er trug eine Uhr in der Hand und regulierte sein Tempo nach den Rundenzeiten, die er sich zuvor errechnet hatte. Der schweigsame Finne lief allen davon.

Seinem Ruhm schadete es auch nichts, als er am 11. September 1926, an einem der größten Tage des deutschen Sports, in Berlin von Dr. Otto Peltzer geschlagen wurde, der über 1500 m die damals phantastische Weltrekordzeit von 3:51,0 Min. lief. Man wußte, diese Distanz war eigentlich viel zu kurz für den Finnen, der ein Langstreckenläufer und kein Mittelstreckler war und dessen läuferische Spanne – heute kaum noch denkbar – von den 1500 im bis zum Marathonlauf (42,194 km) reichte.

Nurmis großer Traum jedoch – seine Karriere durch einen olympischen Marathonsieg zu krönen, erfüllte sich nicht. Als einer der ersten Läufer fing er sich im engen Netz der internationalen Amateurbestimmungen. Irgendwo hatte er für einen Start ein paar Mark zuviel erhalten. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1932 saß Nurmi hoch oben auf der Tribüne und schaute zu, wie ein anderer die Marathon-Goldmedaille gewann, die eigentlich ihm gehörte.

Nurmis Rekorde hielten sich lange; dann aber schwanden auch sie dahin. Einer nach dem anderen. Mehrere brach der Schwede Gunna Haegg; aber Nurmis eigentlicher Nachfolger war Emil Zatopek, die „tschechische Lokomotive“. Inzwischen sind auch dessen Weltrekorde gestürzt. Das ist das Gesetz des Sports. Immer noch aber umgibt den Namen Paavo Nurmi ein fast mythischer Glanz.