Österreich ohne Alpenkulisse – Wo der „Kaiserwein“ wächst

Jede Wahl nach einem Reiseprospekt ist ein Wag-

nis; geschickte Photographen bringen es weit. Selbst das berühmte Kloster Melk zeigt sich von der Straße aus nicht so eindrucksvoll wie auf den bekannten Bildern, die über einen Seitenarm hinweg aufgenommen sind. Ich bummelte im Auto die Donau entlang und hatte noch kein bestimmtes Ziel. Erst Burg Aggstein leitet in die typische Wachau. Der Tausendeimerberg, um den sich das Städtchen Spitz schließt, deutet auf den Weinreichtum dieses Landes hin, das im frühen Mittelalter vor der Brauindustrie ganz Bayern versorgte.

Gast im Kloster

Als Höhepunkt schwingt das Donautal von Weißenkirchen an seine hoch in die Felsklippen reichenden Weinberge Dürnstein zu. Da ragt es auf hohem Felsplateau über die Donau, auf halber Höhe der einschließenden Berge die verfallene alte Kuenringerruine, die König Richard Löwenherz gefangenhielt. Im mauerumwehrten Städtchen ineinandergeschachtelt jahrhundertealte Häuschen, zwischen Berg und Strom gedrängt. Der Barockturm des alten Stifts bezaubert durch seine schlichte, vollendete Form. Das alte Klarissinnenkloster ist jetzt ein gepflegter Gasthof, über dem alten Klosterhof eine wuchtige Kirche, die auch als Scheune noch Würde zeigt; die Kunigundenkirche, mit Karner und verträumten Friedhof. Ich beschloß, zu bleiben.

Wo ißt und schläft man nun in einem Ort, der nur 600 Seelen zählt (übrigens auch in der Saison über Nacht nicht viel mehr) und doch schon einige hundert Jahre Stadtrechte hat?

Ich fühlte mich bald in dem ehemaligen Klarissinnenkloster zu Hause mit seinem Barockmobiliar in Räumen und Fluren, mit Bild- und Schnitzwerken, die der Barockausstellung in Melk kaum nachstehen, umflogen von den im Mauerwerk nistenden Schwalben. Dort kann man für den Preis eines normalen Essens in der Bundesrepublik erlesen speisen in einem herrlichen Gastgarten über der Donau oder in einer Laube, die Eichendorff besungen haben könnte. Hohe Regierungsgäste werden ohne Polizeiaufwand nebenan bewirtet und die übrigen Gäste erhalten ihre Marillenknödel, ihr Schnitzel, ihren grünen Veltliner ebenso schnell und gut wie an jedem anderen Tag.