Ein Rückgang um 27 Punkte war die erste Reaktion der Börse auf den Abschluß der Reichhold Chemie AG., Hamburg, die ihren Aktionären für 1961 eine von 16 auf 12 % gekürzte Dividende anbietet. Nach diesem erneuten Kurssturz ist die Aktie, die einst zu den Spitzenreitern gehörte und während ihrer besten Tage mit 920 % bewertet wurde, erheblich unter die 300%-Marke gefallen. Sie hat damit ihren bisher niedrigsten Kurs seit 1958 erreicht. Die Enttäuschung der freien Aktionäre, in deren Händen sich nach Angaben der Verwaltung knapp zwei Drittel des Aktienkapitals befinden, ist um so größer, weil sie sich getäuscht fühlen.

Noch Ende Februar dieses Jahres hatte eine Nachrichtenagentur die Meldung verbreiten können, eine unveränderte Ausschüttung sei so gut wie sicher. Diese Aussage, zu einem Zeitpunkt gemacht, als das schlechte Ergebnis des Jahres 1961 bereits feststand, beruhte nicht etwa „auf Börsengerüchten“, sondern stammte aus dem Munde eines Vorstandsmitgliedes der Reichhold Chemie AG. Davon will die Verwaltung heute jedoch nichts wissen. Wie dem auch sei, die erst jetzt bekanntgewordenen Einzelheiten über die Entwicklung im Jahre 1961 hätten erwarten lassen, daß die Verwaltung schon zu einem früheren Zeitpunkt, beispielsweise bei der Veröffentlichung des Prospektes anläßlich der Kapitalaufstockung, etwas deutlicher auf die eingetretene Verschlechterung hingewiesen hätte. Immerhin hat der Preisverfall bei der im Chemikalienbereich des Unternehmens dominierenden Phthalsäure bereits um die Jahresmitte eingesetzt.

Inzwischen hat man sich von dieser ertragsmäßig immer noch uninteressanten Produktion weitgehend getrennt. Obwohl der Anteil der Chemikalien am Gesamtumsatz nur 20 % ausmacht, hat der Rückgang der Preise für Phthalsäure um weit über die Hälfte die gesamte Ertragsrechnung des Unternehmens in Unordnung gebracht, und zwar trotz litten Erfolgen in der traditionellen Kunstharzfertigung. Bei einer mengenmäßigen Umsatzsteigerung um 12,5 % ist der wertmäßige Umsatz nur um 0,5 nach vorher 27 % auf 43,2 Mill. DM gestiegen. Andererseits haben sich, vor allem wieder im chemischen Bereich, erhöhte Aufwendungen für Rohstoffe belastend ausgewirkt, so daß der Rohertrag gegenüber dem Vorjahre um eine Million zurückgegangen ist. Als Ergebnis des Jahres werden 0,31 nach vorher 1,27 Mill. DM ausgewiesen. Aber selbst dieser „Jahresüberschuß“ ist nicht erwirtschaftet worden, sondern durch über eine Million DM nicht betriebsbedingte außerordentliche Erlöse zustande gekommen. Die Schlußfolgerung: Reichhold hat 1961 mit Verlust gearbeitet. Um dennoch die für die Ausschüttung der gekürzten Dividende erforderlichen 1,08 Millionen DM aufbringen zu können, mußten 0,76 Millionen DM freie Rücklagen aufgelöst werden. Diesen Rückgriff auf die Substanz aber glaubt die Verwaltung verantworten zu können, da das Ergebnis des Jahres 1961 wohl „einmalig“ sei und man die Entwicklung nun wieder „im Griff habe“. lt.