„Die drei Wahrheiten“ (Frankreich; Verleih Europa): Eine alternde Kunsthändlerin verliebt sich in einen attraktiven Taugenichts. Doch nicht sie, sondern ihre minderjährige Tochter Danielle wird die Geliebte des zynischen Bohemiens Laurent. Daß Laurent Seitensprünge macht und auch weiterhin mit ihrer Mutter charmiert, nimmt die sensible Danielle resigniert hin. Daß er sie indes nicht nur betrügt, sondern auch belügt, läßt sie zusammenbrechen. An den Punkt gekommen, da sie die traurig akzeptierten Spielregeln ihres Lebens nicht mehr zu durchschauen vermag, erschießt sie sich.

Der frühere Dokumentarfilmer François Villieis hat einen Film gemacht, den er wie ein barockes Rondo inszenierte. Die Kunsthändlerin weist hin auf die Frauengestalten eines de Broca. Das Mädchen Danielle (Catherine Spaak ist das darstellerische Ereignis des Streifens) gemahnt an eine frühe kindhafte Jeanne Moreau, wie ein Antonioni sie gezeichnet haben würde. Brialy als Laurent ist der Anarchist vom Dienst aus den Filmen Chabrols und Godards. Doch die Regie erschöpft sich nicht in Verweisen. Indem sie, die drei Wahrheiten des Titels als drei Formen des Bewußtseins erkennet läßt, schafft sie unter dem Deckmantel des kunstvoll komponierten Kriminalfalles ein sehr eigenständiges, sublim kritisch getöntes Werk. Für den verbalmoralisierenden Schluß kann das allerdings nicht gelten. rpk

„Carmen 62“ (Frankreich; Verleih: Atlas): Der deutsche Verleihtitel stapelt hoch: die Carmen ist von 1949, und außerdem ist sie es nicht allein, die den Abend füllt. Im ganzen sind es vier Stücke, die dieser Ballettfilm vereint. Originaltitel: Un, deux, trois, quatre. – In erster Linie ist der Film etwas für Ballettomanen; die Ballette des großen Choreographen und Tänzers Roland Petit sind vom Regisseur Terence Young sorgsam und ohne große Eingriffe filmisch reproduziert worden: „Die Diamantenschluckerin“, „Cyrano de Bergerac“, „Trauer für 24 Stunden“ und „Carmen“. Mit von der Partie sind Raymond Queneau (Chansons) und Yves Saint-Laurent (Kostüme); stärker als sonst wird in diesem Film mit den Wonnen des Kitsches geliebäugelt. Zwischen angelsächsischer Romantik (Moira Shearer) und der Parodie (Henning Kronstam) tanzen Zizi Jeanmaire, Cyd Charisse und Roland Petit. Der Film hat die geniale Zweideutigkeit treulich registriert. kub