NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

6. Juni, das Hörspiel:

Man glaubte auf diese Vorführung (in der Reihe „Frühe Hörspiele“) gespannt sein zu dürfen. Hatte der Sender doch zuvor verlautbaren lassen, das Funkstück, „das erheblich mehr als eine Bearbeitung der Kleistschen Novelle, das eine eigenschöpferische Arbeit Arnolt Bronnens war“, habe 1927 beträchtliches Aufsehen erregt.

Wie auch immer das mit dem Aufsehen damals gewesen sein mag: in dieser Neuinszenierung gewann der Regisseur Kraft-Alexander dem Ensemble erstrangiger Bühnendarsteller nur Leistungen im gehobenen Schulfunkstil ab. Nicht abgelenkt durch eine faszinierende Darbietung konnte man so sein ganzes Interesse auf den Text konzentrieren und dabei feststellen, daß er doch wohl kaum den besseren Arbeiten Bronnens zuzurechnen ist. Sein verfehltes Theaterstück „Ostpolzug“ wäre für den Funk vermutlich viel ergiebiger gewesen. In den Informationen, die dieser Sendung vorangingen, wurde noch besonders auf einen Kunstgriff von hörspielhistorischer Bedeutung hingewiesen: Den einst für unerläßlich angesehenen Erzähler hat Bronnen durch zwei Sprecher, einen Ankläger und einen Verteidiger des Kohlhaas ersetzt. Diese (künstlich aufgesetzte) Lösung Bronnens komme aus der marxistischen Dialektik, wußte die Information weiter zu berichten. Der Text jedoch konnte diesen Anforderungen nicht ganz nachkommen.

Unabhängigkeit von Kleist ist sehr tapfer, ergibt aber leider noch nicht automatisch einen guten Bronnen. Muß man das unbedingt nach fünfunddreißig Jahren noch einmal beweisen? Bke.