Von Peter Probst

Was es mit dem geheimnisvollen Haus in der Scharnhorststraße auf sich hat, davon erzählt einer, der dort selber – als medizinisch-technischer Assistent – gearbeitet hat. Peter Probst ist der Sohn des stellvertretenden DDR-Postministers. 1961 floh er in die Bundesrepublik.

Von außen wirkt das Haus ganz unauffällig. Es steht in der Scharnhorststraße, im Ostberliner Bezirk Mitte, unweit der Charité. Viele Menschen gehen tagtäglich an dem Gebäude mit der Nummer 36 vorüber, ohne zu ahnen, was sich hinter seinen Mauern verbirgt. In den Vormittagsstunden halten dort luxuriöse Regierungswagen, denen gut gekleidete Damen und Herren mit dicken Lederaktentaschen und dem Parteiabzeichen der SED am Rockaufschlag entsteigen. Vor dem Eingang patroullieren ständig Angehörige des Wachregiments Berlin des Staatssicherheitsdienstes. Eine der üblichen Regierungsdienststellen also, könnte man vermuten – um so mehr, als im Nachbargebäude das „Oberste Gericht“ und das „Ministerium für Gesundheitswesen“ untergebracht sind, wie die Schilder am Eingangstor ausweisen. Am Haus Nr. 36 fehlt ein Firmenschild. Es ist das Regierungskrankenhaus der DDR.

Schon 1949, kurz nach der Gründung der Zonenrepublik wurde das Gebäude für seinen jetzigen Zweck hergerichtet. Ungefähr ein Jahr später, im Oktober 1950, öffnete das Regierungskrankenhaus seine Pforten für einen vom Präsidium des Ministerrats genau festgelegten Personenkreis: die allerhöchsten Funktionäre.

Als Patienten werden dort behandelt: der Ministerpräsident und seine acht Stellvertreter, Minister, Staatssekretäre, Stellvertretende Minister, Mitglieder des Zentralkomitees und des Politbüros der SED, der Staatsratsvorsitzende und die Mitglieder des Staatsrates, Mitglieder des Präsidiums der Volkskammer (nicht aber die übrigen Volkskammerabgeordneten), die Mitglieder der Führungsgremien der Blockparteien und Massenorganisationen, ferner Botschafter und Botschaftsräte der eigenen Botschaften sowie der in Ostberlin akkreditierten Botschaften der Ostblockstaaten. Prominente Künstler und Wissenschaftler, die den Kommunisten treu ergeben sind, werden ebenfalls aufgenommen, außerdem alte und bewährte Parteiveteranen, Mitglieder des „Obersten Gerichts“ und der Generalstaatsanwaltschaft, Vorsitzende der Räte der Bezirke und die Parteisekretäre der Bezirksleitungen der SED, ferner die Prominenz der illegalen westdeutschen KPD, Vertreter der anderen westlichen kommunistischen Parteien, und, nicht zu vergessen, die Ehefrauen dieser hohen Funktionäre mit ihren Kindern bis zu 18 Jahren. Sie alle bekamen zu ihren vielen Ausweisen noch einen neuen. Er trägt die Aufschrift „Regierungskrankenhaus der DDR“.

Mit diesem Krankenhaus haben sich die Partei- und Regierungsfunktionäre eine Einrichtung geschaffen, in der sie und ihre Familienmitglieder eine besonders fürsorgliche gesundheitliche Betreuung durch verschwiegene und parteigebundene Ärzte erhalten. Die Bevölkerung erfährt nichts vom Rheumatismus, der Diabetes und den Herzkrankheiten ihrer Diktatoren. Dem Sicherheitsbedürfnis dieser Herren ist gebührend Rechnung getragen. Alles um ihre Person – auch die großen und kleinen Leiden – bleibt Staatsgeheimnis.

Die Leitung des Regierungskrankenhauses übernahm 1950 die zwei Jahre vorher aus dem Städtischen Krankenhaus Berlin-Tempelhof entlassene SED-Angehörige Dr. Helga Wittbrodt, die inzwischen von der Partei wegen ihrer Verdienste um die Funktionärsgesundheit mit einer Professur bedacht worden ist. Sie zeichnet sich durch Verschwiegenheit und absolute Parteitreue aus. Sie ist Mitglied der Volkskammer der DDR und Mitglied der Ärztekommission beim Politbüro der SED. Dr. Wittbrodt ist der Partei gegenüber für die Gesundheit der auserwählten Patienten verantwortlich. Offenbar glaubt die Partei selbst nicht an die Losung, die im Vestibül des Funktionärs-Krankenhauses prangt: „Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus (Zetkin)“. Das Haus, ist hervorragend ausgestattet: zehn kleine Stationen, eine Poliklinik, moderne Laboratorien und Röntgengeräte, Apotheke, Bäder- und Massageeinrichtungen. Hier finden die Ärzte all das, was ihre Kollegen in den Kreiskrankenhäusern der Zone so oft vermissen müssen. So führt zum Beispiel die Apotheke alle nur denkbaren pharmazeutischen Präparate westlicher Firmen in ausreichender Menge, obwohl die Zonenregierung den Westmedikamenten den Kampf angesagt hat.

Die Poliklinik dient der laufenden Dispensairebetreuung und ambulanten Behandlung der Patienten des Regierungskrankenhauses. Eine große Anzahl von Ärzten stehen hauptamtlich zur Verfügung, und im Notfall ist jeder Spezialist aus der Zone und den anderen Ostblockstaaten – mitunter auch aus dem Bundesgebiet und Westberlin – verfügbar. Das Krankenhaus hat fünf innere Stationen, zwei chirurgische, eine gynäkologische und eine Kinderstation. Im Durchschnitt sind zehn Einzelzimmer auf jeder Station. Natürlich wird den Patienten der Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht. Dicke Teppiche dämpfen jeden Laut. Die Appartements sind mit Fernsehapparaten neuster Produktion ausgestattet, die übrigen Zimmer mit modernen Radiogeräten. Alle Zimmer haben selbstverständlich Telephonanschluß.

Obwohl die Gesetzgebung der Zone keine Privatversicherung zuläßt, zahlen die Funktionäre jährlich pro Person 90 Mark für die Mitgliedschaft in diesem Privatkrankenhaus. Das Essen ist ausgezeichnet und übertrifft bei weitem die Verpflegung in den allgemeinen Krankenhäusern der DDR. Es werden Früchte serviert, die man sonst in der Zone nur vom Hörensagen kennt.

Auf den Nachttischen liegen westdeutsche Zeitungen in friedlicher Koexistenz mit dem parteiamtlichen „Neuen Deutschland“, und sonntags mittag Punkt 12 Uhr beobachten die Krankenschwestern, wie die Funktionäre den Fernsehapparat einschalten und sich Werner Höfers „Internationalen Frühschoppen“ ansehen. Auch Thilo Koch und Peter von Zahn bringen den „Duft der großen weiten Welt“ in die sowjetzonalen Funktionärskrankenstuben. Dem Personal freilich ist, wie allen normalen Bürgern der DDR, der Empfang westdeutscher Sendungen streng untersagt.

Wer hier arbeitet, muß politisch zuverlässig sein. Und der Staatssicherheitsdienst entscheidet darüber, wer eingestellt wird. Die Kaderabteilung – vergleichbar mit einer Personalabteilung – hat auf diese Entscheidung keinen Einfluß. Natürlich greift man bei der Auswahl des Personals meist auf Leute zurück, die von zuverlässigen Mitarbeitern empfohlen werden. Außerdem werden in der gesamten Zone Parteimitglieder ausgesucht – und mit Parteiauftrag ans Regierungskrankenhaus gebunden. Alle Ärzte sind Genossen. Unter den Schwestern und im Labor gibt es jedoch noch einige Parteilose. Die Arbeit lohnt sich: die Gehälter sind um 20–25 Prozent höher als anderswo.

Ein ständiger Beauftragter des SSD sorgt für die nötigen Informationen über die einzelnen Angestellten. Jeder der Angestellten kennt ihn, doch die wenigsten wissen seinen Namen. In allen Abteilungen und Stationen sitzen Spitzel. Da im Laboratorium alle Diagnosen über den Gesundheitszustand der prominenten Patienten zusammenlaufen, hat der Sicherheitsdienst auch hier seine Finger im Spiel. Die Losung, die im Behandlungsraum des Laboratoriums aushängt, klingt wie ein Hohn: „Unsere Arbeit dient der Gesundheit des ganzen deutschen Volkes!“

Aber nicht einmal hier im sorgfältig bewachten und mit zuverlässigen Mitarbeitern ausgestatteten Regierungskrankenhaus fühlten sich die Führer der SED sicher. Deshalb wurde innerhalb des Krankenhauses für die Mitglieder des SED-Politbüros noch eine eigene Station mit zwei Appartements geschaffen: die Station 3 A. Für sie gelten besondere Sicherheitsbestimmungen. Hier wird die Crème der SED behandelt. Diese Station bietet auch Wohn- und Schlafgelegenheit für die persönlichen Beschützer dieser Patienten. Der Zugang ist nur besonders zuverlässigen Mitarbeitern gestattet. Das Pflegepersonal für diese Politbüro-Station wird von Dr. Wittbrodt persönlich ausgewählt. Grundsätzlich dürfen die Krankenzimmer nur in Begleitung eines SSD-Mannes betreten werden.

Auf einer Belegschaftsversammlung im Frühjahr vergangenen Jahres erklärte Frau Dr. Wittbrodt ihren Mitarbeitern die Aufgabe des Krankenhauses: „Die Erhaltung, der Gesundheit des Genossen Walter Ulbricht und der anderen Politbüro-Mitglieder ist unsere vordringlichste Aufgäbe!“ Und der SED-Dichter Kuba ermahnte auf einer Versammlung die Angestellten: „Halten Sie sich stets vor Augen, daß Sie über die Gesundheit des besten Teils des deutschen Volkes wachen.“

Walter Ulbricht, der rote Diktator der Zonenrepublik, gehört zu den ständigen ambulanten Patienten des Regierungskrankenhauses. Er wird in der Kartei als „Nr. 17“ geführt. Alles jedoch, was mit seiner Gesundheit zusammenhängt, ist geheim. Die Krankengeschichte wird unter Verschluß gehalten. Natürlich hat Ulbricht einen Leibarzt, Dr. Theodor Auerbach. Er begleitet ihn auf allen seinen Reisen.

Dr Auerbach ist nicht der einzige SED-Mediziner, der zum Leibarzt avancierte. Frau Dr. Dr. Heinicke hat Wilhelm Pieck bis zu seinem Tode betreut und fühlt heute Herrmann Matern den Puls, Der Internist Dr. Walter Krebs betreut den schwer erkrankten Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl.

Mitunter geschieht es auch in diesem Krankenhaus, daß ein Patient stirbt. Selbst daraus macht die SED eine geheime Kommandosache. Vor dem Regierungskrankenhaus hat noch nie ein Leichenwagen gehalten. Die toten SED-Größen werden mit einem Krankenwagen am Hintereingang des Hauses abgeholt.