Von Bernhard Blume

Auf die Frage, was die deutsche Literatur in den Vereinigten Staaten gilt, gibt es zwei Antworten, eine kürzere und eine längere. Die kürzere lautet: fast nichts. Für den belesenen Amerikaner, dem Namen wie Stendhal, Baudelaire, Flaubert, Camus, Sartre, Anouilh oder Ionesco geläufig sind, erschöpft sich die deutsche Literatur gewöhnlich in der Aufzählung dreier Namen: Thomas Mann, Rilke und Kafka. Dazu ist neuerdings noch Bertolt Brecht getreten, für den man sich seit ein paar Jahren in steigendem Maße interessiert. Wer will, kann Goethes „Faust“ hinzufügen, dessen ersten Teil manche Amerikaner im College auf englisch in einer Einführung in die Weltliteratur lesen meistens allerdings, wie sie freimütig gestehen, ohne daß starke Eindrücke zurückbleiben. Was die lebende deutsche Dichtung anbelangt, so sind amerikanische Leser geneigt, ungefähr dasselbe zu sagen, was vor ein paar Jahren Hans Mayer bei einem Vortrag in Stuttgart über die zeitgenössische deutsche Literatur sagte und was man auch sonst nicht selten hört, daß nämlich in beiden Teilen Deutschlands nicht viel los sei.

Setzt man voraus, daß, was im Ausland Geltung haben soll, zunächst einmal im eigenen Land geschätzt und anerkannt werden muß. dann gelangt man zu einer Art von Vorfrage, die zuerst geklärt werden müßte, der Frage nämlich, was denn wohl die deutsche Literatur in Deutschland gilt. Man sieht sofort, daß hierauf mehrere Antworten möglich sind, je nachdem man ins Auge faßt, bei wem und in welchem Deutschland sie möglicherweise etwas oder nichts gilt, und im Sinne einer solchen Überlegung kommt man dann bei der Frage nach der Geltung der deutschen Literatur in Amerika zu einer zweiten, längeren Antwort. Bei genauere: Betrachtung nämlich zeigt sich daß was im großer nicht vorhanden zu sein scheint eine Begegnung des „amerikanischen Bewußtseins’ mit der deutschen Literatur, im einzelnen gleichwohl existiert, als eine Unzahl von Begegnungen einzelner Leser mit einzelnen Werken, Begegnungen, die freilich kaum meßbar oder zählbar, sondern, vor allem in ihrer Bedeutung, nur abzuschätzen sind.

Man kann natürlich mit dem Meßbaren anfangen, also etwa mit der Tatsache, daß Deutsch in Amerika unter anderem auch ein Unterrichtsfach ist und daß auf. diesem Wege doch manches an deutscher Literatur Vor amerikanische Leser gelangt In Zahlen ausgedrückt hieße das etwa, daß zur Zeit in Amerika an Sekundärschulen „high schools“), Colleges und Universiäten rund 300 000 Schüler und Studenten von ungefähr 5000 Deutschlehrern ins Deutsche eingeführt werden Man darf wohl annehmen, daß deren Tätigkeit sich nicht darauf beschränkt, zukünftigen Touristen beizubringen, wie sie den kürzesten Weg zum Bahnhof erfragen. In Wirklichkeit liegen die Dinge jedoch etwas anders. Denn was schon für die Sekundärschulen zutrifft, daß der Fremdsprachenunterricht nur selten über die Anfangsstufe hinauskommt, gilt weithin auch für die Colleges und Universitäten. Nicht alle, aber doch ein sehr großer Teil der amerikanischen Studenten lernt eine Fremdsprache überhaupt erst im College, als Pflichtfach, das heißt, ein Jahr, höchstens zwei Jahre lang, und gibt sie dann wieder auf, vergißt sie oft auch sehr rasch. Gleichzeitig muß man jedoch betonen, daß die Praxis des Fremdsprachenunterrichts aus dieser Not eine Tugend gemacht hat und die Kürze der Zeit durch intensive und überlegte Methoden wettmacht, die oft erstaunliche Resultate erzielen. Dabei wird auch, vor allem im zweiten Jahr, eine ganze Menge gelesen. Was das ist, hängt, da es keine allgemein verbindlichen Lehrpläne gibt, fast ganz von der Vorliebe des Lehrers ab und kann von der „Minna von Barnhelm“ oder dem „Wilhelm Tell“ bis zu „Tonio Kröger“, „Siddharta“ und bis zu Böll und Dürrenmatt führen.

Die Zahl derjenigen aber, die ihre Beschäftigung mit dem Deutschen über das zweite Jahr hinaus fortsetzen oder Deutsch gar als Hauptfach wählen, ist relativ gering. Um dies wiederum durch Zahlen zu belegen: nach einer an dreißig führenden Universitäten veranstalteten Umfrage sind es in diesem Jahr an eben diesen dreißig Universitäten rund 1500 Studenten, die Deutsch als Hauptfach studieren und die sich je zur Hälfte auf College-Studenten und auf „graduates“ verteilen. Wobei man vielleicht erklärend hinzufügen muß, daß die „graduate school“ in Amerika der Ort der eigentlichen Fachausbildung ist, in diesem Fall also der germanistischen, die über den Magister- bis zum Doktorgrad führt oder führen kann. Wie groß oder klein diese Zahl auch erscheinen mag, sie hat auf jeden Fall in den letzten zwei Jahren um fünfzig Prozent zugenommen.

Diese verhältnismäßig wenigen Studenten, die sich mit der deutschen Literatur wirklich vertraut machen, werden nun zweifellos sehr sorgfältig ausgebildet; ein enges persönliches Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist die Regel, und in der wissenschaftlichen Ausbildung dieser einzelnen Studenten sieht der amerikanische Germanist nicht selten seine Hauptaufgabe. Freilich entsteht auf diese Art ein seltsam in sich geschlossener Zirkel, indem Lehrer des Deutschen künftige Lehrer des Deutschen ausbilden, die ihrerseits wieder künftige Deutschlehrer ausbilden, und so fort.

Auch die an sich sehr rege Forschungsarbeit der amerikanischen Germanistik führt aus diesem Zirkel nicht heraus, da sie natürlich, von Germanisten für Germanisten geschrieben, ihre Aufgabe in erster Linie darin sehen muß, zur Erschließung und Förderung ihres Fachgebietes beizutragen