l~ie Folgen sind merkwürdig, wenn man sich - heute über deutsche Bildungsfragen öffentlich äußert; die Folgen, welche nicht erfolgen, sind noch merkwürdiger. Legt man dar, daß ein zweihunderttausendfach gebrauchtes, amtlich genehmigtes Schulbuch von Fehlern, Reaktion und Plattheiten strotzt, so läßt das die genehmigende Behörde kühl, und nur der Verlager sieht — veriSitändlicherweise — das Abendland bedroht. Macht man ein Fragezeichen hinter die Bildungspläne, die als Richtlinien den Unterricht bestimmen sollen, so sieht manche Behörde das Abendland bedroht, aber die Lehrer läßt es kühl. Es sei ergötzlich, so schreibt ein Altphilologe, daß ein Universitätsprofessor Richtlinien und Bildungspläne ernster nimmt als jeder Studienrat. Der Professor, überzeugt von der notwendigen Einheit des Bildungswesens, fragt sich, wozu man in solchem Fall die kostspielige und entscheidungsfreudige Verwaltung habe. Als Autor fühlt er sich durch Briefe wie den eines Oberstudiendirektors bestärkt, der sagt, er habe in das- Zentrum der gegenwärtigen Bedrängnis des Gymnasiums getroffen. So in seinen leidenschaftlichem Interesse an der Sache entspringenden Bemühungen ermutigt, öffnet er den nächsten Brief und liest: Ich habe Ihren Aufsatz Primanern ohne Vorbereitung vorgelesen. Erfolg: minutenlanges Gelächter, dann Rufe: "So ein Unsinn Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Ein Studienrat.

Belehrt über den Humor der Bielefelder Primaner und die feige Anonymität eines Bielefelder höheren Beamten, bliebe dem Professor eigentlich nur noch die Resignation, die ihm von Oberstudienrat Ried ohnehin schon nahegelegt wurde: Der Schulmann hat aus seiner erzieherischen Verantwortung gegenüber Eltern und Schillern nach pädagogischen Gesichtspunkten zu entscheiden. Er kann sich diese Verantwortung nicht von Außenstehenden zerreden lassen.

Nur die Resignation, bliebe, wenn die Zeichen sich nicht mehrten, daß den Rieds eine andere Generation nachwachse, welche Folgerungen sowohl aus den allgemeinen Bildungs- wie aus den Zuständen des Deutschunterrichts zu ziehen bereit ist Beide hängen eng zusammen, beide können idisparater nicht gedacht werden Die Skala der Meinungen ist tatsächlich so weit gespannt, wie jene leicht zu vermehrende Briefauswahl andeutet; die Skala der realen Leistungen weist ein Gefalle auf, das man sich nicht steil genug vorstellen kann. Die Ursachen sind, wie schon so oft, von dem unfreiwilligen Helfer Ried genau formiulieirt; sie liegen im deutschen Bildungs Par tikularismus, in welchem ein jeder sich seine Ver antwortung nicht von Außenstehenden zerreden lassen mag.

. Der. Deutschlehrer Ried verweigert dem Universitätsgermanisten die Zuständigkeit, seine Produkte zu beurteilen. Professoren waschen ihre Hände in Unschuld, wenn es um Schulfragen geht, als ob nicht jode Kritik an der Schule auch eine Frage an die Universität enthielte. Studienräte mokieren sich über ihre Behörden, diese wiederum agieren in den theoretischsten Bereichen. Wo man hinblickt, tun sich Diskrepanzen auf: die Diskrepanz zwischen dem Reifezeugnis und der wirklichen Reife; zwischen dem Pomp der erklärten Bildungsziele und der kärglichen Halbbildung; überhaupt zwischen den großen Worten und den kleinen Ergebnissen, die noch geringer wären, wenn nicht zahllose Lehrer in täglicher Fron sich von den ungünstigen Bedingungen freizumachen wnd der Sache zu dienen suchten. Es lohnt sich nachzudenken, wie diese Sache — der Sprachund Literatuninterricht einer Nation, die früher zu den gebildeten in Europa zählte — eigentlich auszusehen, was man für sie zu leisten hätte. Allerdings gerät man damit sogleich aus der Schule in die Literaturprobleme, nicht zuletzt die krisenhaften der Germanistik hinein. Noch lebt (vielleicht nur der Form nach) die Überzeugung, daß Dichtung einer der würdigsten Gegenstände sei, an denen der Mensch sich rinden und entfalten könne. Aber wie wird das bei uns verwirklicht? Da herrscht die Pseudointerpretation vor, welche das Verstehen eines Textes mit der paraphrasierenden Wiederholung, des bereits unübertrefflich Gesagten verwechselt. Der geschichtliche Blick auf die Literatur wird verdammt; aus lauter Angst vor toten Fakten wird so das Bewußtsein ausgeschaltet, daß Worte mehr noch als Taten Zusammenhänge und Folgen haben. Man bemerkt nicht, wie sehr die Elimination der Geschichte auch einer Sterilisation des Gewissens gleichkommt, das allein in der verantwortlichen Erinnerung von Ursache und Wirkung, besteht. Dazu kommen die vielen, zum Teil einem fälschlich konservierten 19. Jahrhundert entstammenden Mißverständnisse, was mit Hilfe der Dichtung (und damit der überforderten Lehrer) "Lebenshilfe" nur eine Form des Religionsersatzes ist und daß die Aufstellung des hehren Zieles, der deutsche Unterricht müsse Dichtung als Lebenshilfe vermitteln, jede Annäherung an die höchsten Leistungen der Poesie verstellt. In Gedichten wird keine Weltanschauung auf Flaschen gezogen, und die seltenen beglückenden Momente, da sich mit Hilfe des Worts Einsichten eröffnen in die Tiefen des Daseins, können nicht organisiert, sie können nur in redlicher Beschäftigung erhofft werden. Auf diese letztere kommr es an, denn man nährt sich nicht von Ambrosia, sondern von festem Brot. Man dringt in die Welt des Geistes nicht ein durch romantisierenden Genuß, sondern durch Arbeit.

Betrachtet manSemester für Semester die Abiturienten der deutschen Schulen, so schälen skh der notwendig verallgemeinernden Betrachtung drei Wünsche heraus - welche das Gymnasium in! seinem deutschen Unterricht der Verwirklichung näher bringensollte, als es derzeit der Fall zu sein scheint. E s gilt - ; 1 die Sprache zu lernen; 2 literarischen und damit geistigen Rang zu unterscheiden; 3 den Kanon lebendiger Überlieferung zu prüfen und zu bewahren.

Diese drei Aufgaben haben eine eigene und hohe Würde, nicht zuletzt die erste unter ihnen. Die Sprache zu lernen heißt auch, Gegen 1 tände zu erkennen und zu erstehen, um dann nicht nur richtig, S9ndern auch wahr (ohne Klischeezwang) über sie zu reden. Dabei mag sich die Einsicht ergeben, daß Wahrheit unerschöpflich sei; aber mi solchen Einsichten beginnt man nicht, man hofft bei ihnen anzukommen. Davor haben die Götter, auch beim Sprachelernen, den Schweiß gesetzt der Übung einfacher Künste, vor allem des Lesen und Schreibens. Sie sind fast unbekannt. Von. 80 zur Ausbildung ihrer freien Persönlichkeit erzogenen jüngeren. Semestern liefern 70 ihre handschriftlichen Produktionen, in einer äußerer Form ab, die jeglicher Kultur und jeder geistigen Disziplin Hohn- spricht; Der gleiche Prozentsatz etwa scheitert an der unvermuteten Forderung, innerhalb von zwei Stunden ein einfaches Ge , dicht von wenigen Zeilen auf vier Seiten zu behandeln; man scheitert nicht weniger an der überraschenden Aufgabe, eine wohlbekannte Novelle auf zwei Seiten — oder einer halben — zusammenzufassen. Denn das EXERZITIUM wind von Amts ; wegen scheel angesehen;, die noch aus der Antike stamm enden einfachen Dispositionsregeln, die Denkregeln sind, gelten als unpädagogisch , und dieVerantwortung des klaren Begriffs wird nicht geübt, Was- soll schon herauskommen, wenn in großen Abständen, mit - feierlichem Gewicht die anspruchsvollsten Aufsatzthemen zelebriert werden etwa diese, nicht erfundenen:. Vor welche Probleme sehen sich die leitenden Staatsmänner des Westens In der gegenwärtigen Weltsituation gestellt, welche Wege gibt es, sie zu losen? — oder: Macht Dichtung das Leben leichter? Mit solchen Aufgaben wirdlediglich Geschwätz provoziert, Hochstapelei kultiviert und die würdige Beschäftigung mit würdigen Gegenständen unmöglich gemacht. Denn die fordert Einübung, wie sie wohl noch beim Klavier- und Fußballspiel, nicht mehr aber im Reich der Spräche gefordert werden darf.

Allerdings ist eine Übung zwecklos, die sich (die Lehrpläne geben davon Zeugnis) an der Mittelmäßigkeit schult. Die so verbreitete Beschäftigung mit Wiecherts Einfachem Leben oder dergleichen kann die mit einem ganzen Roman Goethes oder Kafkas nicht ersetzen. Nur das Beste bildet, nicht das Bequemste, und schon gar nicht das Gefühlige. Der Rang der künstlerischen Gegenstände bemißt sich nicht an der Abziehbarkeit ihrer Gehalte oder der Erregung von Emotionen, in welchen gar der Lehrende die seiner vergangenen Jugend wiedererkennt. Avec des bons sentiments on fait de la mauvaise htterature, hat Andre Gide sehr genau gesagt; mit wohlgemeinten Gefühlen wird schon gar nicht gebildet. Um einen deutschen Autor, zu zitieren: Vom Schlechten, so schrieb Schopenhauer, kann man nie zu wenig unddas Gute nie zu oft lesen.