Von Manfred Sack

Auf einem Sims oder einem Bord links neben der Tür stand eine Tischlampe. Sie gehörte zum Interieur des möblierten Zimmers – wie Tisch, Stühle, Bilder, Vasen und eine Menge jenes gesammelten Krimskrams, der Wohnungen solcher Art eigen ist. Warum also hätte man auf Anhieb gerade von dieser Tischlampe Notiz nehmen sollen?

Wäre sie sogleich aufgefallen, wäre sie vermutlich aus dem Rahmen gefallen, und der Szenenbildner der Fernsehfassung von Falladas Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" hätte sich auf Vorwürfe einrichten müssen. Hier indessen war die Tischlampe erst zu bemerken, als sie eine Rolle zu spielen hatte: Kufalt, den die Gesellschaft seiner Vorstrafe wegen abweist, beschließt resignierend, eben diese Gesellschaft mit neuen Verbrechen zu strafen.

In Hut und Mantel verläßt er das Zimmer, aber er kommt noch einmal zurück, um die Tischlampe auszuknipsen – letzter Triumph des sparsamen, biederen, bürgerlichen Buchhalters. Das Requisit, dramaturgisch genutzt, erhält symbolische Kraft; es ersetzt alle erklärenden Auslassungen. Wenn’s nur immer so gelänge.

Natürlich kann man fragen, wem denn die Beobachtung ausgerechnet von Requisiten – "Gegenständen, die auf der Bühne benutzt werden" – dienlich sei. Der Schauspieler, sofern er gut ist, kann ihrer leicht eintraten (und man braucht dafür zur Bestätigung nicht erst die Pantomime zu bemühen): Von ihm darf füglich erwartet werden, daß er nicht erst des leibhaftigen Kruges samt Inhalt bedarf, um die Geste des Trinkens glaubhaft zu machen. Und allzu schnell, können Requisiten zum Gestaltungsersatz werden; man spürt bald das leere, scheinbare bedeutungsvolle Gehabe mit Zigarette, Lorgnon, Taschenuhr, Stuhl oder dergleichen, Posen, die die "natürliche" Handlung bessern sollen und oft doch in die Nähe des Schmierenkitsches geraten.

Braucht also der Zuschauer Requisiten? Sicherlich, denn niemand kann erwarten, daß er mit ebenso starker Phantasie begabt sei wie der Mime. Requisiten – wie das Bühnenbild insgesamt – unterstützen seine Vorstellungskraft.

Daß Requisiten "richtig" seien, daß sie "stimmen", versteht sich ohnehin; es wäre müßig, sich noch darüber aufzuhalten. Beim Fernsehen fallen andere Untugenden auf. Die erste stellt sich im Bestreben dar, mit der Korrektheit der Milieudarstellung auch so etwas wie Vollständigkeit zu erreichen. Man kann dies ebenso in mehr filmischen wie in mehr theatralischen Ereignissen beobachten – und hier selbst dann, wenn versucht wird, das Bild zu stilisieren. So entstehen dann Bilder, die mit Detailrequisiten, "echt" oder aufgemalt, überladen sind, obwohl all die Zutaten weder für das Milieu unentbehrlich sind noch irgendeine direkte (und also notwendige) Beziehung zur Handlung haben, kurzum: die herumstehen und unbewußt ablenken.