Das Schlüsselwort ist Stabilität

Von Theo Sommer

Fünfzehn Jahre lang stand Griechenland unter dem Schutz der Truman-Doktrin; seit 1947 wurde seine Verteidigung im wesentlichen von den Vereinigten Staaten finanziert. In diesem Monat aber endet die amerikanische Finanzhilfe. Und wie im März 1947, als Großbritannien seine Unterstützung kurzfristig einstellte, muß sich Hellas auch im Sommer 1961 nach neuen Helfern umsehen. Es blickt auf die NATO und auf die EWG, deren Mitgliedern jetzt der im vergangenen Jahr unterzeichnete Assoziierungsvertrag mit Griechenland zur Ratifizierung vorliegt, doch es blickt ganz besonders auch auf die Bundesrepublik. Theo Sommer, kürzlich aus Athen zurückgekehrt, berichtet über das Land zwischen Adria und Ägäis, das trotz politischem Schüttelfrost und wirtschaftlichem Gründerfieber auf seinem Weg zur Stabilität und Wohlstand mehr und mehr Fortschritte macht.

Der erste Eindruck: Es ist nicht mehr dasselbe Athen. Aus der verstaubten, leicht orientalisch angehauchten Riesen-Kleinstadt von 1952 ist eine moderne europäische Metropole geworden. Noch ist bei weitem nicht alles vollendet, noch recken sich überall Baugerüste in den Himmel, rattern Betonmaschinen, kratzen scheppernd die Bagger in immer neuen Baugruben. Aber schon ist das Gesicht des Athen von morgen unverkennbar. Breite Boulevards, gesäumt von achtstöckigen Appartement-Hochhäusern: blendend weiße Würfel, die an die kubistische Bauweise der ägäischen Inseln erinnern. Immer höher frißt sich die Stadt die umliegenden Hänge empor, greift mit langen Tentakeln hinein in die Macchia. Unverändert nur, eindrucksvoll wie eh und je, ragen die Akropolis und der Lykabettos aus dem Häusermeer.

Erste Frage: Braucht ein Land, in dessen Hauptstadt so viel gebaut wird, daß in den Neubauten Wohnungen sogar leerstehen sollen – braucht solch ein Land tatsächlich fremde Finanzhilfe? Oder braucht es vor allen Dingen mehr wirtschaftliche Vernunft?

Der zweite Eindruck: Das Verkehrschaos von ehedem ist gebändigt. Gewiß, das Auto-Gewimmel ist noch immer erschreckend, die Fahrkunst vor allem der unzähligen Taxi-Chauffeure weiterhin halsbrecherisch. Aber seit neuestem gibt es Einbahnstraßen, Verkehrsampeln, Fußgängerüberwege. Und es gibt sie nicht nur; sie werden – welch Wunder! – sogar respektiert. Vergangen sind die Zeiten, da die Autoströme wild und ungezähmt durch die Stadion- und Universitätsstraße fluteten und jede Straßenüberquerung für die nicht minder wilden und ungezähmten Fußgänger zum selbstmörderischen Wagnis wurde. Was niemand für möglich gehalten hätte: die Athener haben sich der Verkehrsdisziplin unterworfen.

Zweite Frage: Sollte ein so anarchisch-aufsässiges Völkchen wie das der Hellenen am Ende nicht auch auf dem Felde der Politik zur Disziplin zu bekehren sein – zu jener freiwilligen und zwanglosen Disziplin, die allein das vernünftige Funktionieren des Staatswesens wie des Verkehrs verbürgen kann?