Während die westdeutschen Filialgroßbanken an ihre Aktionäre für 1961 wieder 16 % Dividende ausgeschüttet haben, sind ihnen von ihren Westberliner Tochterinstituten unverändert „nur“ 10 % Gewinn zugeflossen. Die Berliner Volksbank West eGmbH ließ es, ebenfalls wie ein Jahr zuvor, bei 7 % Dividende für ihre Anteilseigner bewenden, und nur die Berliner Bank AG, deren AK von 30 Mill. DM beim Land Berlin liegt, hat auf Beschluß der Hauptversammlung, der die Gewinnverteilung überlassen worden war, die Dividende um zwei auf 12 % erhöht. Der Gedanke liegt nahe, die besonderen Verhältnisse des vergangenen Jahres hätten das Geschäft am Bankenplatz Berlin so beeinträchtigt, daß es nicht möglich gewesen sei, einen höheren Gewinn zu erwirtschaften.

Solche Überlegungen gehen jedoch an der Wirklichkeit vorbei. Im Spiegel ihrer Bilanzen lassen die Westberliner Kreditinstitute keine schlechte Ertragslage erkennen. Soweit die Gewinnmarge geringer als im Vorjahr war, hatte dies die gleichen Gründe wie im Bundesgebiet. Nicht zuletzt das Effektengeschäft ließ, absolut parallel zur Entwicklung im größeren Teil des freien Deutschlands, viel zu wünschen übrig. Dennoch waren die nicht allein an der Dividende ablesbaren Ergebnisse des Berliner Bankenjahres 1961 keineswegs schlecht. Nur wenige Zahlen aus den Abschlüssen mögen dies klarmachen. Die Berliner Bank AG, dem Aktienkapital und der Bilanzsumme nach das größte Institut, hat außer 3,6 Mill. DM Jahresgewinn vorab die Rücklagen um drei auf 26 Mill. DM verstärkt. Um den gleichen Betrag erhöhte die Berliner Disconto Bank AG, die Tochter der Deutschen Bank, ihre freie Sonderreserve und damit ihre Rücklagen auf 15 Mill. DM. Die ebenfalls mit 15 Mill. DM AK ausgestattete Bank für Handel und Industrie AG, die Tochter der Dresdner Bank, begnügte sich mit der Aufstockung der Rücklagen um 1,5 auf 10,5 Mill. DM. Die Berliner Commerzbank AG schließlich, die Tochter der dritten Großbank, hat bei 10 Mill. DM AK ihre Rücklagen nur um 0,5 auf 6,5 Mill. DM angereichert.

Zweifellos wäre es allen Instituten möglich gewesen, ein oder zwei Prozent Dividende mehr auszuschütten, ohne sich damit der letzten Reserven zu begeben. Wenn dies nicht geschehen ist und statt dessen allgemein die offenen Rücklagen verstärkt wurden, so waren dafür nicht Gründe der Bilanzoptik, sondern die Besonderheiten der politischen und wirtschaftlichen Lage der Stadt maßgebend. Die Landeszentralbank in Berlin, die noch immer eigene Quartals- und Jahresberichte herausgibt, bezeichnet jetzt in ihrem Rückblick auf 1961 die Errichtung der Mauer und die damit verbundenen Folgen des 13. August zwar als „scharfe Zäsur in der Entwicklung Westberlins“. Daß dennoch die unbestreitbare psychologische Belastung ohne ernste und nachhaltige Folgen für das Wirtschaftsleben der Stadt geblieben ist, erläutert sie am Beispiel der Spartätigkeit, „dem empfindlichsten Gradmesser politisch-psychologischer Einflüsse auf den wirtschaftlichen Bereich“.

Während nach dem November 1958, als Chruschtschow erstmals seine Forderung nach der sogenannten „Freien Stadt“ Westberlin erhob, die Spareinlagen bei allen Westberliner Kreditinstituten auf steuerlich nicht begünstigten Konten sieben Monate lang um insgesamt 73 Mill. DM oder 7,4 % des Sparguthabenbestandes von Ende Oktober 1958 zurückgingen und sich erst vom Juni 1959 an wieder aufzufüllen begannen, sind 1961 die Sparguthaben nur innerhalb von drei Monaten, und zwar von Ende Juli bis Ende Oktober, um 68 Mill. DM oder 5,1 % ihres inzwischen erhöhten Bestandes, geschrumpft. Schon vom November an ergab sich auf den normalen Konten wieder ein Einzahlungsüberschuß. War im normalen Spargeschäft nach dem ersten Ultimatum der Stand vom Oktober 1958 erst Ende Januar 1960 – ohne die Zinsgutschriften zum Jahreswechsel – wieder erreicht, so trat diesmal der Höchststand von Ende Juli 1961 bereits Ende April 1962 wieder ein. Unbeeinflußt blieb beide Male das Kreditgeschäft der Banken, was die Landeszentralbank für besonders bemerkenswert hält, „weil in unruhigen Zeiten eher die Tendenz zu einer stärkeren Verschuldung verständlich wäre“. Wenn dennoch in einigen Wirtschaftsbereichen und entsprechend auch im Geschäft der Banken die nach dem ersten Halbjahr erwarteten Zuwachsraten nicht immer erreicht worden sind, so ist dies nach den Feststellungen des Instituts ausschließlich auf die materiellen Folgen des 13. August zurückzuführen. Auf der Angebotsseite fehlten die über 50 000 Arbeitskräfte aus Ostberlin und den Zonen-Randgebieten, auf der Nachfrageseite blieb die von dort stammende Käuferschicht aus.

Wie die Erfahrungen der politisch bewegten letzten Jahre in Berlin gezeigt haben, erweist sich im Geld- und Kreditwesen die Zugehörigkeit des freien Teils der Stadt zum Währungsgebiet der DM-West als besonders wertvoll. Infolge der beiderseitigen Verschmelzung bedeutet es bei Liquiditätsanspannungen an dem relativ kleinen Berliner Platz eine große Beruhigung, auf das große Liquiditätspolster in der Bundesrepublik zurückgreifen zu können. Allein diese Möglichkeit des Rückgriffs vermindert bereits die Gefahr, daß es überhaupt zu einer Liquiditätsklemme kommt.

Die Berliner Kreditinstitute waren wieder das Relais für den sehr lebhaften Zahlungsverkehr zwischen beiden Gebieten. Nach den Unterlagen der Landeszentralbank sind im letzten Jahr aus dem Bundesgebiet nach Berlin insgesamt 14,766 Mrd. DM geflossen und von dort 14,673 Mrd. DM in umgekehrter Richtung abgeflossen. Der Umfang dieser Zahlungsströme geht weit über das im Verkehr zwischen wirtschaftlich selbständigen Gebieten übliche und erforderliche Maß hinaus. Bei einem Westberliner Sozialprodukt von rund 13 Mrd. DM ergaben sich fast 30 Mrd. DM Umsätze im Zahlungsverkehr mit dem Bund oder annähernd die zweieinhalbfache Summe des Sozialprodukts. Dagegen belief sich das Sozialprodukt der Bundesrepublik einschließlich Westberlins auf rund 325 Mrd. DM, der Zahlungsverkehr mit dem Ausland aber nur auf etwa 160 Mrd. DM oder die Hälfte. Aus dieser Relation ergibt sich einmal überzeugend der binnenwirtschaftliche Charakter der Beziehungen zwischen Berlin und dem Bundesgebiet, zum anderen aber auch bei der engen Verflechtung beider Gebiete eine neuerliche Bestätigung für den Wunsch Berlins und seiner Bewohner, nicht nur Kostgänger des Bundes zu sein, sondern sich so weit wie möglich aus eigener Kraft zu erhalten. g. g.