Von Josef Müller-Marein

In welcher Eigenschaft wird die Theatergeschichte Gustaf Gründgens am meisten ehren? Als Schauspieler? Als Regisseur? Als Intendant? So vollkommen man ihn in allen diesen Fächern nennen darf – ihm selber muß wohl die Leidenschaft des Darstellers am höchsten gelten. Denn wenn er im nächsten Jahr die Leitung des „Deutschen Schauspielhauses“ in Hamburg niederlegt, wird er weiter als Inszenator, vor allem aber als Schauspieler auf dieser Bühne wirken, der er Weltgeltung verschafft hat. Gründgens, der Schauspieler, wird sich also dem Bewußtsein der Zeitgenossen einprägen. Sein Nachfolger im Amt des Intendanten, Oscar Fritz Schuh, hat hier seinen allerbesten Trumpf in der Hand: Gründgens steht ihm mindestens vier Monate des Jahres zur Verfügung. Und Schuh ist da ganz beruhigt. Er weiß, wie korrekt Gründgens an seinen Abmachungen festzuhalten pflegt.

Nur eine einzige Veränderung kündigt sich an. Und zwar wird der Regisseur Ulrich Erfurth das „Deutsche Schauspielhaus“ verlassen – verärgert, weil er gehofft hatte, er werde Prinzipal werden. Zwar hatte Gründgens ihn empfohlen. Aber damals war Schuh „noch nicht im Gespräch“. Das heißt: „Im Gespräch“ war er allerdings. Es fragt sich bloß, in welchem...

O. F. Schuh, der bis zum Herbst nächsten Jahres Generalintendant der Kölner Bühnen bleiben wird, hat in der alten Metropole am Rhein kein ungetrübtes Glück gefunden. Daß er schwer erkrankte, war dabei noch das geringste Übel – wenigstens stellt es sich in seiner Erinnerung so dar. Pflegerinnen, die Ärzte waren bezaubernd. Sie besäßen, so sagt Schuh, jene Herzlichkeit, die sich mit sanftem, heiterem Parlando verbindet, wobei dann vergessen wird, im richtigen Moment das Kopfkissen in die richtige Lage zu bringen.

Das Unglück aber wollte es, daß Schuh in harten Gegensatz zu einem Mitglied des Opernensembles, einem Bariton, geriet. Die Kontroverse endete mit der fristlosen Entlassung des Sängers, der von „schlechtem Betriebsklima“ gesprochen hatte und schließlich in einem Zeitungsinterview, das er in seiner dänischen Heimat gab, den Deutschen „ewigen Nazismus“ vorwarf. Schließlich wußten – so darf man annehmen – alle Beteiligten, daß etwas falsch gelaufen war. Aber was?

Fest steht, daß dem Meisterregisseur O. F. Schuh ein entscheidender, wenn auch verzeihlicher Irrtum unterlaufen war. Als er 1958 das „Theater am Kurfürstendamm“ in Berlin verließ, das er zu hoher künstlerischer Bedeutung emporgeführt hatte, und den Ruf nach Köln annahm, bewegte ihn der Gedanke, daß die Dom-Metropole etwas wie ein sonntäglich westlicher Teil jenes Sechs- oder Acht- oder Zehn-Millionen-Komplexes sei, den man (je nachdem, wie man Grenzen zieht) ein „Industriegebiet“ nennt: eine Überstadt wie Paris, London, New York.

Ein Blick auf die Landkarte mag leicht zu solcher Auffassung ermuntern. Welche Möglichkeiten! Eine Atmosphäre, die großen Experimenten günstig sei! Ein Spielplan von äußerster Moderne, verbunden mit zärtlichster Pflege der klassischen Tradition. Und steht nicht in Köln der modernste deutsche Musiktheaterbau? Das Beste gerade gut genug für Köln? Weltstadttheater?