Von Corinna Schnabel

Ist sie die Lilith, die von den Karikaturisten als üppiges Flittchen auf den Knien des Chefs dargestellt wird, während Eva, die rechtmäßige Ehefrau, unerwartet ins Zimmer schaut? „Bringen Sie nur ordentlich viel mit!“ Mit dieser Aufforderung hatten 37 Chefs westdeutscher Betriebe ihre „Stütze“ und „rechte Hand“ zum „Spèziallehrgang für Chefsekretärinnen“ nach Bad Harzburg geschickt. Veranstalter war die „Akademie für Führungskräfte der deutschen Wirtschaft“.

In Pepita, frisch vom Friseur und bis zur Fußspitze gepflegt, waren die noch sehr jungen „Führungskräfte“ ein attraktives Auditorium. Sie stenographierten eifrig mit, was ihnen die Dozenten in die Feder diktierten. Um die notwendigen Führungsformen in der modernen Industriewelt ging es dabei – ein wichtiges Thema –, und trotzdem schrillten bereits am zweiten Tag des Lehrgangs die Telephone durch das Haus, und verzweifelte Chefs flehten ihre Sekretärinnen an: „Kommen Sie bloß so schnell wie möglich wieder nach Hause!“ Bei ihnen auf den Schreibtischen stapelten sich unerledigte Akten; die Vertretung „versiebte“ alle Termine; das Posttagebuch geriet in Unordnung, und wer eigentlich versorgte den Chef?

„Bloß nicht daran denken“, sagte die kleine rundliche Brillenträgerin, deren weiße Bluse so frisch gewaschen roch. Obwohl sie froh war, für ein paar Tage der Hektik ihres Büros entronnen zu sein, machte sie sich Sorgen um den „zu Hause“ vielleicht nicht reibungslos verlaufenden Bürotag. „Dafür verläuft in Zukunft alles noch viel besser“, erklärte ihre blonde, schlanke Nachbarin. Sie sagte wirklich „verläuft“.

Und in der Tat, die Dozenten gaben den jungen Damen allerlei Rezepte: Das Mitarbeiterverhältnis gehört an Stelle einer absolutistischen Führungsmethode oder einer allzu weichen, ungezügelten Kameraderie in den modernen Betrieb. „Die Sekretärin als Mitarbeiterin“, so hörten die Zuhörerinnen von sich reden. Ihr Verantwortungs- und Kompetenzbereich müsse genau festgelegt sein, da nach Meinung des Dozenten das neue Führungsprinzip im Betrieb nur durch die ausdrückliche Delegierung von Verantwortung wirksam werden könne. „Wenn ich tun würde, was mein Chef mir sagt, dann hätte ich bald gar nichts mehr zu tun“, sagte eine von den älteren Damen hinter mir mit lauter Stimme. „Ich sage meinem Chef, was er zu tun hat. Mein Chef ist meine rechte Hand.“

So aber soll es eben nicht mehr, sein, mahnte der Dozent. Sein Jargon erinnerte mitunter an den des Fernsehkochs mit seinem „Guten Tag, meine lieben goldigen Menschen“. Die Sekretärin, so verlangte er, solle nicht mehr „Puffer im Betrieb sein, der den Hohlraum zwischen den einzelnen Kompetenzbereichen labil ausfüllt“. Außerdem müsse verhindert werden, daß sie, wie es so oft der Fall sei, ratlos vor der Frage stünde, ob dieser oder jener Schritt ihren Zuständigkeitsbereich überschreite: „Die Sekretärin gehört zum Führungs- und persönlichen Stab des Chefs. Ob es um Termine, die Postverteilung, selbständige Korrespondenz und Protokollführung geht, um die Handhabung von vertraulichen Akten oder Reisevorbereitungen, ihre Tätigkeit ist Stabsaufgabe. Auf beiden Ebenen, auf der persönlichen und der offiziellen, dafür sorgen, daß der Chef fit ist“ – so, simplifizierte der Dozent, müsse die Arbeit erledigt werden.

Wenn der Chef im falschen Anzug auf einen Empfang geht und rechtzeitig von seiner Sekretärin kritisiert wird; wenn sie in die Lücke im Terminkalender vorsorglich seinen Arztbesuch einplant; wenn sie seinen Reisekoffer kontrolliert und ihm mit der Kaffeekanne aufwartet – dann tut sie es als zum persönlichen (nicht persönlichsten, der Dozent betonte es) Stab des Chefs gehörig. Dem Führungsstab angehören heißt hingegen, „dem Chef beistehen, die ständige Schlacht mit seinen Abteilungsleitern, seinen Fachstäben und mit der Außenwelt zu gewinnen.“ Wie schwierig das in den meisten Fällen ist, machte das Modell einer Gegenüberstellung von beiden, von Chef und Sekretärin, deutlich. Am besten vertrügen sich der „introvertierte“ Chef und die „extrovertierte“ Sekretärin, da sie als die vitalere durch ihre „nach außen getragene Leidenschaftlichkeit den Chef extrovertieren“ könne.