Von Robert Jungk

In Genf gab vor einigen Tagen der Vorsitzende einer weltumfassenden internationalen Organisation Einzelheiten über einen Feldzug bekannt, den er stolz als „gewaltigstes Vorhaben, das je im Dienste menschlichen Wohlergehens unternommen wurde“ bezeichnen konnte. Aber obwohl der Redner diese kühne Behauptung an Hand von überzeugenden Fakten und Zahlen beweisen konnte, hat ihm die Öffentlichkeit kaum die Aufmerksamkeit geschenkt, die seine Ausführungen eigentlich verdienten. Denn bei dem Unternehmen, über das Doktor Marcolino Candau, Direktor der Welt-Gesundheitsorganisation, zu berichten wußte, ging es nicht um die zur Zeit so modische „Eroberung des Weltraums“, sondern ganz schlicht um die „Eroberung des Erdballs“, der auf weite Strecken immer noch von Feinden des Menschen, den Trägern der Malaria-Infektion, besetzt ist.

Die „Mikrobenjäger“, die großen Pioniere im Kampf gegen Krankheit und Tod erfreuten sich vor ein paar Jahrzehnten ähnlicher Popularität wie heute die Astronauten. Inzwischen hat sich das öffentliche Interesse von ihnen abgewendet und sie müssen ihre lebens- und gesundheitsrettenden Aktionen mit Summen finanzieren, die einem Planer künftiger Mond-, Mars- und Venusflüge gemessen an seinen Budgets geradezu lächerlich klein erscheinen müssen.

Dennoch leisten die Kämpfer gegen Krankheiten und Seuchen Beträchtiches. Ende dieses Jahres wird es in Europa keine Malaria mehr geben, erfuhr man in Genf. In Südamerika, Nordafrika und großen Teilen Asiens soll dieses Ziel spätestens 1972 erreicht werden. Schon jetzt sind 317 Millionen Menschen, die in „Malariazonen“ wohnen, aller Wahrscheinlichkeit nach von dieser Plage für immer befreit. Aber noch lebt über eine Milliarde Menschen, etwas mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung, unter dieser Geißel.

Der 1955 begonnene „Weltfeldzug gegen die Malaria“ gewinnt stetig an Boden. In einem einzigen Jahr werden über hundert Millionen Häuser in fünf Kontinenten mit insektenvernichtenden Mitteln desinfiziert, 130 000 „Pesfföter“ sind in diesem Krieg gegen die Anophelesmücke und andere Malariaträger mobilisiert, 3000 Helfer untersuchen jährlich bis zu 45 Millionen Blutabstriche, um durch statistische Proben laufend festzustellen, welche Fortschritte die Epidemiebekämpfung in einzelnen Regionen gemacht hat. Seit Jahrhunderten malariakranke Stämme, die im Dschungel, im Urwald oder als Nomaden leben, erhalten von speziellen vorgeschobenen Verteilungsstellen Salz, das mit Anti-Malariamitlein gemischt ist. Sumpfregionen werden ausgetrocknet, in Reihenuntersuchungen bemüht man sich, jeden menschlichen Malariafräger zu erfassen.

Besonders in den letzten Jahren stößt die „Anti-Malariakampagne“ allerdings oft auf einen Widerstand ganz neuer Art. Hatte sie sich vorher nur gegen Aberglauben, Quacksalberei und Gleichgültigkeit zu wehren, so müssen die Ärzte und ihre Helfer jetzt gegen einen modernen Irrglauben kämpfen: Die Behauptung, daß Epidemien wie die Malaria notwendig seien, um die drohende Übervölkerung der Erde zu verhindern.

Ist diese zunächst fast einleuchtende Behauptung richtig? Keineswegs, denn gerade für die zunehmende Bevölkerungszahl der Erde müssen neue Lebensgebiete erschlossen werden, und da bieten sich neben den Wüstenregionen vor allem jene gewaltigen Territorien an, die wegen ihrer Fieberverseuchung nur dünn oder gar nicht besiedelt sind.

Die Tafsache, daß weniger die Zunahme der Fruchtbarkeit als vielmehr die plötzliche Abnahme der Sterblichkeit in vielen Gebieten des Erdballs zu einer rapiden, fast explosiven Zunahme der Bevölkerung geführt hat, darf nicht zu dem leider oft gezogenen Fehlschluß führen, man müsse den Kampf gegen die beiden großen Geißeln der Menschheit – gegen Krieg und Epidemien – verlangsamen oder gar einstellen. Die Stabilisierung der Bevölkerungszahl unseres Planeten gehört zweifellos zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben der Menschheit, aber sie wird durch andere, vernünftigere Methoden gelöst werden müssen als durch Massentod und Massenkrankheit.