Der Chronist, den es urlaubshalber nach Kärnten verschlagen hat, muß von einem nachdenkenswerten Erlebnis Bericht erstatten: Er wohnte der Vorführung Spaniens in Österreich bei. Das ist in zweierlei Hinsicht zu verstehen.

Von vornherein schon und ohne jede Hinsicht auf die Mitbetrachter ist es sehr seltsam, Federico Garcia Lorcas „Bluthochzeit“ auf einem österreichischen Bildschirm (als Übernahme vom Deutschen Fernsehen) zu betrachten – den spanischen Mythos von Blut, Ehre, Tod und Geschlecht in einem Lande zu besichtigen, dessen eigener Genius ins Entgegengesetzte zielt, aufs Lässige, Humane, Moderierte, Individualisierte und Schickliche.

Es macht Mühe, die avantgardistische Archaik des Spaniers mit der müden Sensibilität dieses Landes zusammenzudenken, daß sich vom Barock bis zu Grillparzer und Hofmannsthal immer wieder Spanisches anzueignen suchte, und es will nicht gelingen, die Unvereinbarkeit beider Seelenlandschaften mit dem gesicherten Wissen zusammenzubringen, daß Österreich und Spanien Jahrhunderte hindurch verbunden waren.

Der „Turm“ und die „Bluthochzeit“ entstanden im selben Jahrzehnt, der Österreicher an spanischem Stoff um moderne Weltdichtung im habsburgisch mittelalterlichen Sinne ringend, der Spanier republikanischen Geistes um die europäische Moderne kämpfend; und dem Österreicher gelingendoch nur die großen Gebärden und die feinen Nerven, der Spanier hingegen endigt wie immer bei der lyrischen Grausamkeit und der todessüchtigen Wollust.

Dann aber die Zuschauer ... Ist in ganz Europa ein ungeeigneteres Publikum vorstellbar, eines, das mit gelösterer Nonchalance und distanzierterer Interessiertheit die spanische Bluttat zur Kenntnis nimmt? Die Dame aus Wien jedenfalls, von Zeit zu Zeit ihr Mißfallen am so ganz und gar Ungenerösen kundtuend, versagt der unheilstiftenden Braut ihr Mitgefühl durchaus und bis zum Ende: „Schauen’s, die tuts aber pressieren. Dös is e Rabiate. Was für a G’schicht, was für a G’schicht!“ – Spanien in Österreich. lupus