Rechtzeitig zum 80. Geburtstag Igor Strawinkijs am 17. Juni erschien ein literarischer Beitrag zu seiner Würdigung aus der Feder seines Adlatus und Interpreten, der zu dem „spätesten“ Strawinskij in einem ähnlichen Überzeugungs- und Vorkämpferverhältnis steht, wie zu dem frühen und reifen der große Ernest Ansermet stand –

Robert Craft: „Strawinskij“, deutsch von Theodor A. Knust, mit einem Nachwort von Pierre Boulez; Verlag Albert Langen/Georg Müller, München; 164 S., 9 Abb., 14,80 DM.

Es ist, wie zu erwarten war, eine Darstellung, die in erster Linie darauf zielt, die Wendung des seinerzeit nahezu Fünfundsiebzig jährigen zur Dodekaphonie und zur „seriellen“ Kompositionstechnik als einen organischen Vorgang seiner Entwicklung einleuchtend zu machen. Was insofern überflüssig erscheint, als die subjektive Notwendigkeit dieser Entscheidung ohnehin nicht bestritten werden kann, wenn ein so wacher Geist wie Igor Strawinskij selbst dafür mit allem Nachdruck einsteht, während die objektive zu beurteilen einstweilen verfrüht wäre.

So bleibt denn dieses Buch als einfaches „Bekenntnis“ zu werten, dessen Prämissen man stillschweigend gelten läßt. Infolgedessen wird der nicht irgendwie engagierte Leser den größten Gewinn von dem ersten Teil haben, den „Persönlichen Betrachtungen“, die sich gliedern in die Abschnitte „Strawinskij mit Fünfundsiebzig“ und „Zehn Jahre mit Strawinskij“. Da werden nämlich gewisse Einblicke in die individuelle Struktur des Künstlers und Men sehen eröffnet, die sehr zur richtigen Erkenntnis seines Wertes und seiner Bedeutung beizutragen vermögen. Der Mittelteil bringt ziemlich eingehende Analysen des „Canticum sacrum“, des „Agon“ und der „alten Werken nachkomponierten“ Opera: „Pulcinella“ (Pergolesi), „Kuß der Fee“ (Tschaikowskij) und „Vom Himmel hoch“ (Bach).

Was Pierre Boulez „Statt eines Nachworts“ unter der Überschrift „Eine Konjunktion in drei Paukenschlägen“ zum beten zu geben hat, würde ich ihm gern geschenkt haben: eine geistreich sein sollende, schnodderige Inkompetenterklärung all und jeder Kritik. Walter Abendroth