London, im Juni

Cocktailparty – man weiß, was einem dort blüht. Ich hatte schon ein paar Cliquen passiert, undeutbare Gesprächsfetzen erwischt, da öffnete sich meine Gruppe wie eine Protoplasmazelle und schluckte mich. Bald darauf trat unser Gastgeber hinzu, sprengte die Zelle und stellte uns einen amerikanischen Landsmann vor. Während man unter Engländern recht vorsichtig sondieren muß, um Herkunft und Beruf festzustellen, erzählte Mr. Bradall nach freimütiger amerikanischer Art sofort von seinen Plänen, und ich erfuhr, was uns europäischen Konsumenten noch alles bevorsteht. Mr. Bradall plant nämlich, in Europa die neuesten, amerikanischen Super-Supermarkets. Schon in Kürze soll in London ein solcher Non-plus-ultra-Markt eröffnet werden.

Am Eingang dieser neuen Selbstbedienungs-Märkte erwartet den Käufer ein elektrischer Wagen, mit dem er sich eigenhändig durch die Warenreihen steuert. Nicht nur alle Lebensmittel von Aal bis Zwiebeln, sondern ganze Kücheneinrichtungen, Öfen und Kühlschränke, die innerhalb einer Stunde geliefert werden, sind da aufgestellt. Hausfrauen können vor dem Einkauf schmutzige Wäsche abgeben; in einer halben Stunde ist sie bügelfertig. Kinder werden einer approbierten Kindergärtnerin anvertraut, die mit ihnen in einen großen Spielsaal abzieht. Seinen Hund gibt man in einem Schönheitssalon ab, wo er gebadet und – auf Wunsch – in Frauchens Haarfarbe getönt wird. Ehemänner, die das Einkaufen langweilt, können inzwischen an der Bar sitzen oder sich auf einer Kegelbahn vergnügen. Währenddessen erledigt die Hausfrau vom elektrischen Wägelchen aus ihre Einkäufe. Solange die Waren eingepackt werden, kann sie noch schnell einen kleinen Kursus absolvieren, wie man sich bei Tisch benimmt, oder sie läßt sich von einer Künstlerin in Blumenarrangements unterrichten.

Dies alles berichtete Mr. Bradall mit amerikanischem Enthusiasmus. Natürlich setzten wir ihm mit Fragen zu: Wie, zum Beispiel, wird bei den elektrischen Kundenwagen der Verkehr geregelt? Mit Verkehrsampeln oder von Marktpolizisten? Wie sonst? Bei allen Fragen lächelte Mr. Bradall nur überlegen, bis einem von uns die Frage einfiel, weshalb nicht auch eine Markt-Seelsorge angebracht wäre? Vielleicht in einer kleinen Kapelle?

Da schaute Mr. Bradall versonnen auf den Schlips des Fragers, nahm sein Notizbuch raus und trug etwas ein. Mir fiel der Vers ein: „Da kam Klabund der Gedanke gleich, wie werd’ ich reich?“

Nieter O’Leary