Das Postamt am Himmel“ – so hat Wernher von Braun einen Satelliten genannt, der in Kürze eine Fernsehbrücke von Amerika nach Europa schlagen wird. Durch ihn wird es möglich sein, Fernsehprogramme von Kontinent zu Kontinent auszustrahlen, von Amerika nach Europa, von Tokio nach Sydney. Wenn alles gut geht, soll „Telstar“ – so bezeichnet die Technik diese Fernmelde-Satelliten – schon Ende Juni die ersten Versuchssendungen übermitteln. Simpel gesagt, ist der technische Vorgang so, daß Telstar die Fernsehprogramme auffängt und zur Erde zurückwirft. Die drei großen amerikanischen Fernsehgesellschaften CBS, NBC, ABC haben sich für diesen Versuch zusammengeschlossen; ihr Premierenprogramm ist bereits festgelegt: Das Philadelphia Orchestra wird den letzten Satz von Beethovens Neunter Symphonie spielen. Die Antwort aus Europa wird durch die Eurovision erfolgen. Die in der europäischen Rundfunkunion zusammengeschlossenen Fernsehstationen haben vor kurzem darüber in Sevilla beraten.

Vermutlich werden die ersten Übertragungen nicht von besserer Qualität sein als die ersten Eurovisionssendungen. Bedenken wir doch: Es sind noch keine zehn. Jahre her, seit der Versuch unternommen worden ist, ein aktuelles, allgemein interessierendes Ereignis als bewegtes Bild in ein anderes Land zu übertragen. 1953 war es. Und das Ereignis war die Krönung von Königin Elisabeth in London. Vor den Fernsehgeräten in der Bundesrepublik, in Frankreich, in Italien, Belgien und Holland saßen damals Zehntausende wie gebannt. Die Bilder liefen davon, sackten durch, verzerrten sich, Schnee rieselte, und doch war es ein wunderbares Erlebnis. Man saß zu Hause im Zimmer und war zugegen, als in Westminster Abbey nach einem jahrhundertealten Zeremoniell der jungen Königin die Krone aufgesetzt wurde. Man saß in einer Loge. Ganz vorn, ganz nah.

Die Schwierigkeiten dieses Unterneh mens waren enorm. Das Deutsche Fernsehen zum Beispiel war gerade erst ein paar Monate alt (offizieller Start: Weihnachten 1952). Die Engländer verwendeten eine andere Zeilennorm als wir, die Franzosen eine dritte. Es galt, die bewegten Bilder nicht nur auszustrahlen und einen Empfang zu ermöglichen; sie mußten unterwegs auch noch von der einen Zeilennorm in die andere übersetzt werden. Das Wagnis gelang und verhalf dem Fernsehen zur Popularität. Es war auch die Geburtsstunde der Eurovision.

Ein gleicher Fortschritt steht uns jetzt mit dem „Postamt am Himmel“ bevor. Wiederum ist eine Handvoll „sachlichmutig Verrückter“ am Werk. Fehlschläge, Enttäuschungen und Hohn werden sie zu überwinden haben. Aber unser Zutrauen in diese Zauberei des 20. Jahrhunderts sollte so groß sein, daß ich zu prophezeien wage: Die Olympischen Spiele 1964 in Tokio wird man uns als direkte Fernsehübertragung ins Zimmer bringen. Und auch am 20. Januar 1965 werden wir dabei sein, wenn der neue (oder auch alte) amerikanische Präsident in Washington mit einer riesigen Parade in sein Amt eingeführt wird.

Zugleich gilt es, auch beim interkontinentalen Fernsehen die Grenzen zu erkennen. Die Erfahrungen der Eurovision haben gelehrt, daß sich Fernsehübertragungen aus anderen Ländern auf lohnende Objekte beschränken müssen: auf die großen Ereignisse aus den Bereichen des Sports, der Politik, der Wirtschaft, der Kirche, der Musik. Solche Übertragungen „schlagen ein“, auch dann, wenn sie zu einer ungünstigen Sendezeit – zum Beispiel am Vormittage – gebracht werden.

Es bleiben allerdings unübersteigbare Barrieren. Da ist die Schwierigkeit, die fremde Sprache zu übertragen. Denken wir an den couragierten Versuch, die Perry-Como-Show auf deutsche Bildschirme zu bringen. Er gelang nicht, weil es nicht möglich war, Anspielungen auf politische und gesellschaftliche Ereignisse, Wortspiele und Scherze flüssig in eine andere Sprache zu übersetzen.

Eine andere erfolgreche amerikanische Sendereihe, die Ed Sulivan-Show, läuft sonntags um 20.00 Uhr. Wollten wir sie mit Hilfe des „Postamtes am Himmel“ direkt übertragen, würce sie in einem Europa eintreffen, dessen Bewohner im Bett liegen. Denn wenn es in New York 20.00 Uhr ist, zeigt die Uhr in London Mitternacht an, und in Paris, Rom und Düsseldorf ist es 1.00 Uhr nachts. Versuchten wir auf gleiche Weise ein bhnenswertes und auch bei uns inhaltlich faßbares Programm aus Tokio in der japanischen Hauptsendezeit (21.00 Uhr) direkt zu uns zu holen, müßten wir es um 1.00 Uhr mittags ansehen. Wer sitzt schon mittags am Fernsehgerät?