Man kann seine Zweifel daran haben, ob das Wort vom Jahrhundert des amerikanischer Romans jemals seine Berechtigung hatte, aber wenn es einmal so aussehen konnte, so vor allem dank Sinclair Lewis, Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Dos Passos, mit denen Amerika – trotz Hawthorne und Melville und Henry James und trotz der utopischen Literatur der neunziger Jahre – literarisch erst zu sich selber kam.

Es ist sehr schwer, sich heute vorzustellen, was die Romane dieser vier Männer damals in der Welt bedeuteten und daß sie sich nach dem Stoßseufzer des roten Fürsten Mirsky einem Alpdruck gleich auf die junge Sowjetliteratur legten, weil sie die russischen Talente durch ihr übermächtiges Beispiel an der Entfaltung hinderten – was übrigens nicht ganz gerecht war; denn von der Eisensteinschen Dreiser-Verfilmung bis zu Katajews Dos-Passos-Nachfolge haben die Amerikaner auf die frühe Sowjetliteratur oft genug einen befreienden und inspirierenden Einfluß gehabt.

Eine Zeitlang konnte es so aussehen, als sei mit Büchern wie „Eine amerikanische Tragödie“ und „USA“ ein neuer Stil und eine neue Technik geboren; aber spätestens Mitte der dreißiger Jahre wurde deutlich, daß die tragische Aggressivität Dreisers, die wilde und ungezügelte Revolte Sinclairs und Lewis’ und die großartige Mechanik Dos Passos’ mehr mit dem abgelaufenen als mit dem heraufziehenden Zeitalter zu tun gehabt hatte. Sie waren die späten, desillusionierten und wütenden Nachzügler der naturalistischen Tradition auch da noch gewesen, wo sie gegen sie rebellierten und die Form des Romans zerbrachen; und sie waren die Angehörigen jener Generation gewesen, deren Lebenserfahrung durch die populistische Bewegung der achtziger Jahre, den Ersten Weltkrieg und die politischen und sozialen Depressionen der Nachkriegszeit bestimmt worden war.

Als es mit dieser Zeit vorbei war, ging auch ihre Zeit zu Ende. Obwohl zwei von ihnen, Sinclair und Dos Passos, noch heute leben und obwohl Dreiser und Lewis erst nach dem letzten Krieg gestorben sind, hat keiner von ihnen in dem letzten Vierteljahrhundert ein Buch von Belang vorgelegt, was sich äußerlich darin ausdrückt, daß ihre neuen Romane meist überhaupt nicht mehr übersetzt werden.

Der alte Ruhm von Dos Passos hat es dagegen zuwege gebracht, daß wir wenigstens einigermaßen über seine neuere Entwicklung unterrichtet sind und zumindest die Trilogie „District of Columbia“ kennen; was danach gekommen ist, die Romane „Chosen Country“, „Most Likely to Succeed“ und „Streets of Night“, wurde schon nicht mehr eingedeutscht. Dagegen liegt sein jüngstes Buch, der 1958 erschienene Roman „Die großen Tage“, der in der angelsächsischen Welt einiges Aufsehen erregt hat und von der Londoner Times als „wahrhaft schöpferische Dichtung vom Menschen und vom großen Welttheater unserer Zeit“ gefeiert wurde, jetzt auch in einer (allerdings miserablen) Übertragung vor –

John Dos Passos: „Die großen Tage“, Roman, aus dem Amerikanischen von Harry Kahn; Albert Müller Verlag, Zürich/Stuttgart/Wien; 370 S., 17,80 DM.

Man hat Mühe, die Geschichte von dem alternden, derangierten Schriftsteller, der noch einmal auf die Tage seines Ruhms zurückblickt, nicht autobiographisch zu deuten, obwohl nicht sicher ist, daß Dos Passos sie so gemeint hat. Auf jeden Fall sind die großen Tage im Leben des ausgebrannten Journalistenstars Roland Lancaster, der an der Seite einer einige Jahrzehnte jüngeren Geliebten durch eine Reise nach Kuba zugleich Vergessen und Neubeginn sucht, auf etwas mechanische Weise mit den großen Tagen Amerikas verflochten, das sich während des enthusiastischen Aufbruchs der Kriegsjahre anzuschicken schien, die Verantwortung für die Geschicke der Welt in seine Hände zu nehmen. Das Buch läßt sich also auch als Absage an die Rooseveltschen Illusionen lesen, als bitterer, zynischer Kommentar zu den letzten fünfzehn Jahren, in deren Licht die heroischen Anstrengungen der Kriegszeit ebenso erhebend wie sinnlos erscheinen.