Von Marcel Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen. Was lesen? Welche deutsche Zeitung hat ein Feuilleton, das würdig wäre, an diesem Tag genossen zu werden?

In der Welt ist der gute Willy Haas etwas eschatologisch aufgelegt: Er plaudert über das Jüngste Gericht.

In der Süddeutschen Zeitung finde ich eine Abhandlung von Nathalie Sarraute. Letztens wurden wir in deutschen Blättern etwas häufig mit Aufsätzen von Robbe-Grillet und Butor bedacht. Diese Leute vom Nouveau Roman sind mir alle ein bißchen verdächtig: Sie schreiben viel lieber Theorien als Romane. Bilde, Kunst ... – nein, das war schon zu oft zitiert.

Etwas ganz Großartiges gibt es in der Stuttgarter Zeitung: Erinnerungen von Robert Neumann. Wirklich wunderbar. Nur daß ich sie vor drei Wochen schon einmal gelesen habe.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befaßt sich in einem längeren Aufsatz mit den Naturschutzparks in der Bundesrepublik. Die Deutsche Zeitung hat’s auch mit der Natur: Da wird die Rolle des Schmetterlings in der deutschen Poesie untersucht. Solche Sorgen möchte ich haben.

Und wie wäre es mit der Neuen Zürcher Zeitung? Merkwürdig: das Feuilleton dieses Blattes wird bei uns geschätzt – und überhaupt nicht gelesen. Es gilt als gelehrt und ehrwürdig, unaktuell und langweilig. Stimmt das?

Nun, es zeichnet sich nicht eben durch ein Übermaß an Leidenschaftlichkeit und Temperament aus. Und die brennende Aktualität scheint, dort tatsächlich in der Regel etwas verpönt zu sein. Dieses Feuilleton, dessen Beiträge oft fünfzehn oder zwanzig oder noch mehr Manuskriptseiten umfassen, setzt gebildete und gelassene Leser voraus, die genug Muße und Geduld haben, sich einen Nachmittag lang in die Literaturbeilage einer einzigen Zeitung zu vertiefen; gewiß keine Lektüre für Choleriker, aber doch für stille Genießer und für Leute, denen gründliche Belehrung willkommen ist.

Was bringen wohl die beschaulichen Zürcher zu Pfingsten? Sie werden es bestimmt – und das ist wahrlich ihr gutes Recht – auch mit der Natur haben. Vielleicht ein gelehrter Aufsatz über die Naturparks im Berner Oberland? Oder eine gründliche Untersuchung über die Rolle der Blumen in der schweizerischen Prosa?

Die können dergleichen mit gutem Gewissen behandeln, die brauchen sich nicht im Feuilleton mit der allzu schnell bewältigten Vergangenheit zu befassen. Nur – daß es merkwürdigerweise just Schweizer waren, die uns gezeigt haben, wie aus den Bewohnern von Güllen und Andorra Mörder wurden.

Und daß merkwürdigerweise in der Pfingstausgabe der Neuen Zürcher Zeitung nicht vom Jüngsten Gericht die Rede ist und nicht von Naturparks und von Schmetterlingen und Blumen, sondern vom Problem des Verhältnisses von Literatur und Politik.

Harry Pross hat über dieses Thema Wichtiges zu sagen. Er meint, daß die beiden Sphären – Literatur und Politik – zwar eigengesetzlich seien, „aber eben auch beide abhängig und sinnvoll nur in ihrer Abhängigkeit, in ihrer Bezogenheit auf das Ganze des in einer Zeit aggregierten Lebens.“ Und:

„Das Verhältnis von Literatur und Politik ist offenbar nicht ohne weiteres mit dem von Theorie und Praxis, noch mit dem von Plan und Ausführung, von Gedanke und Tat, von Idealität und Realität oder von schönem Geist und schmutzigem Handeln gleichzusetzen. Es ist überhaupt nicht in erster Linie als Dichotomie und Widerspruch zu verstehen. Eine solche Betrachtungsweise führte notwendig zur Verherrlichung entweder des literarischen oder des politischen Vorranges unter dem Postulat entweder der Freiheit oder der Ordnung als abstrakter Prinzipien. In ihrem Endeffekt bestimmt dann entweder der Staat die Literatur, oder die Literatur gebärdet sich als eine bindungslose, unöffentliche, private Anstalt, die mit dem Ganzen nichts zu tun hat.“

Im Schlußsatz heißt es:

„Vollends erweist sich der vielbesprochene Dualismus von Literatur und Politik angesichts der gegenwärtigen geschichtlichen Tendenz als ein pures Mißverständnis. Beide Sphären sind miteinander frei oder unfrei. Ihre Zukunft, gemeinsam.“

Hierzu meine ich: ja, ja, ja. Und zücke respektvoll meinen Hut.

In diesem Aufsatz spricht Pross auch von einer Literatur, „die sich die Anschauung zu eigen macht, daß das Verharren in einem bestimmten sozialen Zustand Glück sei“. Sie biete „Verklärung statt Aufklärung“, gewinne „den Zuspruch der auf Sekurität bedachten Chöre und stehe „dem gesellschaftlichen Prozeß im Wege“. Die politische Bedeutung einer derartigen idyllischen Literatur könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Damit bin ich vollkommen einverstanden. Aber Pross schreibt zugleich: „An solcher Literatur ist in Deutschland kein Mangel.“ Und er meint offensichtlich die Gegenwartsliteratur.

Da der Verfasser den Beweis für diese Behauptung schuldig bleibt und auch keinerlei Beispiele gibt – abgesehen von einem Hinweis auf die Schulbücher –, läßt sich schwer diskutieren. Ich glaube aber, daß die heutige deutsche Literatur, die hier und im Ausland etwas gilt, eben nicht idyllisch ist, nicht verklärt und keineswegs „das Verharren in einem bestimmten sozialen Zustand“ als Glück preist, sondern sich – um bei der Terminologie von Pross. zu bleiben – durch Bezogenheit auf das Ganze des in unserer Zeit aggregierten Lebens auszeichnet.

Sollte ich Namen anführen, ich müßte fast alle wichtigeren Autoren der mittleren und jüngeren Generation nennen: Eine Liste, die (alphabetisch) mit Alfred Andersch und der Ingeborg Bachmann beginnt und mit Martin Walser endet.

Zeugt nicht Harry Pross’ beiläufige Bemerkung über die deutsche Gegenwartsliteratur von einem sehr charakteristischen Vorurteil? Und zeugt nicht die Abneigung mancher Intellektueller hierzulande gegen das Feuilleton der Neuen Zurcher Zeitung, das so treffliche Aufsätze druckt wie eben den von Harry Pross, von einer Voreingenommenheit?

In Werner Webers literarkritischem Buch „Zeit ohne Zeit“, das 1959 bei Manesse in Zürich erschienen ist und in der Bundesrepublik viel zu wenig beachtet wurde, heißt es einmal:

„Wir sind, was das Verhältnis zwischen dem Lieferanten und dem Konsumenten auf dem Felde der Kunst angeht, in einer Ära des Vorurteils. Vorurteil ist ein Urteil ohne Prozeß; es ist in einer Zeit, die auf Rationalisierung drängt, ein Alkoven der Irrationalität; Mündungsplatz der Gefühle statt der Gründe.“

Besser läßt sich das gar nicht sagen.