Unbemerkt von der Öffentlichkeit und selbst von den Fachleuten ist unlängst der Normalmensch zu Grabe getragen worden, dessen Sittlichkeitsempfinden in Literaturprozessen der gültige Maßstab dafür war, was als züchtig oder unzüchtig zu gelten habe. Ein Urteil des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs hat ihm für das Gebiet der Kunst hoffentlich für immer ein Ende bereitet. Schriftsteller und Verleger können aufatmen.

Wer war dieser Normalmensch? Da das Strafgesetzbuch zwar die Verbreitung unzüchtiger Schriften, Abbildungen und Darstellungen in § 184 mit Gefängnis oder Geldstrafe bedroht, den Begriff der Unzüchtigkeit aber nicht definiert, hatte die Rechtsprechung unter Führung des ehemaligen Reichsgerichts eine Formel dafür entwickeln müssen, die praktisch zu handhaben war. Unzüchtig – so sagte das Reichsgericht – ist eine Schrift, die geeignet ist, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen. Maßgebend sollte also sein, was die Gesellschaft akzeptiert und was sie als geschlechtliche Schamlosigkeit ablehnt.

Die gesellschaftlichen Anschauungen über das auf diesem Gebiete Schickliche und Anstößige wandeln sich jedoch ständig. Vor 60 Jahren noch verletzten die nackten Knie eines Tiroler Zitherspielers das Schamgefühl der Stuttgarter so sehr, daß der Staatsanwalt sich damit befassen mußte. Aber auch zur selben Zeit und am selben Orte sind die moralischen Wertungen und Anschauungen nicht einhellig: Sie sind verschieden nach Anlage, Herkunft und Religion, nach Erziehung, Bildung und Verbildung, nach Stand, Beruf und persönlichem Erleben.

So war mit jener Formel des ehemaligen Reichsgerichts noch nichts gewonnen, wenn nicht festgelegt wurde, wessen Scham- und Sittlichkeitsgefühl entscheiden sollte. Antwort des Reichsgerichts: das Schamgefühl normal angelegter Personen, das Schamgefühl des normalen Lesers, des normalen Beschauers. Dabei sollte es nicht nur auf die Gefühlsverletzung bei erwachsenen Normalmenschen ankommen, weil gerade der Untergrabung des Sittlichkeitsgefühls der Jugend zu steuern sei. Doch auch auf die Empfindungen Jugendlicher sollte nicht vorwiegend abgestellt werden, weil die leicht erregbare Phantasie einer unreifen Schuljugend nicht der Maßstab sein sollte.

Gleichgültig war es für das Reichsgericht, was einzelne Personen aus Mißverständnis oder unter Einfluß ihrer unreinen Empfindungen aus einer Darstellung entnehmen oder in sie hineinlegen. Auch die Einstellung bestimmter Kreise, an die der Verfasser sich wendet, durfte nicht zugrunde gelegt werden, wie es überhaupt nicht auf eine bestimmte Klasse des Publikums ankommen sollte. Entscheidend war für das Reichsgericht allein, ob das Sittlichkeitsgefühl des Publikums, im allgemeinen, gleichviel welcher Kategorie es angehört, verletzt werden könnte. Das Sittlichkeitsempfinden, so sagte das Reichsgericht, wie es normal und durchschnittlich breitere Volkskreise beherrscht, sei der Maßstab. Der Wertmesser einer Kunstrichtung sei belanglos, solange die besonderen Anschauungen dieser Richtung nicht in das Bewußtsein der breitesten Allgemeinheit übergegangen seien.

Für die Literatur bedeutete das: Gleichgültig was der Schriftsteller, gleichgültig was der Verleger oder der Leser, gleichgültig auch, was Richter und Staatsanwalt empfinden – entscheidend war allein das normale Moralgefühl des Normalmenschen. Dieser Normalmensch war nicht Mann und nicht Frau, nicht alt und nicht jung, gehörte keiner Klasse an, hatte keinen Beruf, keine Religion, keine Weltanschauung, war weder Leser noch Analphabet. Er durfte nichts von alledem sein und sollte doch alles zugleich umfassen – eine Konstruktion, geschaffen von klugen Juristen in dem Bestreben, der Praxis eine brauchbare Formel zur Feststellung der Unzüchtigkeit im Einzelfall in die Hand zu geben.

Mit diesem Normalmaß, das sich auf vielen anderen Gebieten als durchaus praktikabel erwies, sollte der Jurist nun auch den Bereich der erlaubten und der verbotenen Kunst ausmessen und abstecken. Das war bedenklich; denn Kunst wurde hier nicht mit dem Maßstab derer gemessen, die sich um ihr Verständnis bemühen. Sie wurde – wenigstens vorwiegend – gemessen mit dem Maßstab der Masse, die keine Beziehung zu ihr hat – eine für Literatur und bildende Kunst gefährliche Methode.