Von Josef Müller-Marein

Wer könnte von sich sagen, daß er niemals Pech mit seinen Freunden gehabt hätte? Walter Abendroth lehnt die Musik ab, die ich liebe: nicht alle, aber die zwölftönige (die dodekaohone). Und hat doch einmal ein solches Stück geschrieben, wobei er sich verhielt wie ein „gegenständlicher“ Maler, der ausnahmsweise ein abstraktes Bild malt. Dieses Stück – es war Teil einer Sinfonie – klang, obwohl es nach den Gesetzen der „Reihe“ komponiert war, tonal; vergleichbar einem abstrakten Gemälde, das ganz „gegenständlich“ aussieht – sofern es das gibt. Es war übrigens ein schönes Stück Musik.

Pech mit Freunden – wer hat es gelegentlich nicht? Igor Strawinskij hat Pech mit Ansermet; er wird dies ebenfalls tragen müssen und seinen Freund nicht weniger achten. Und so wahrscheinlich es ist, daß der ein großer Dirigent bleibt, auch wenn er die Dodekaphonie nicht mag, so wahrscheinlich ist es, daß der andere als ein großer Komponist weiterwirken wird, auch wenn er auf seine alten Tage noch „unter dem gnadenvollen Schutz“ der Musik Anton von Weberns „Obdach“ sucht. Schönberg aber, der „Vater der Dodekaphonie“, war einmal hochinteressiert, als er erfuhr, daß ein junger Komponist nach seiner, Schönbergs Methode, arbeite, aber er fragte: „Ja, tut, er da auch Musik hinein?“ Das ist die entscheidende Frage auch im Falle Strawinskij: Tut er, wenn er nach Weberns Beispiel komponiert, auch Musik hinein? Aber nach welcher Methode immer – jedesmal hat Strawinskij in seinem Leben „Musik hineingetan“, just darin liegt seine säkulare Größe.

Soviel über Strawinskijs Pech mit Ansermet. Wenn es aber darum gehen sollte, Verbündete für die eine oder andere Front zu sammeln, dann bitte schön: Ich bin nicht so. Arthur Honegger hat sich zwar über die Entwicklung der Musik in unseren Tagen pessimistisch geäußert (und schnell hat Walter Abendroth ihn damals bewundernd in der ZEIT zitiert). Dessen Freund Darius Milhaud jedoch hat noch vor ein paar Monaten die Entwicklung der modernen Musik in heller Begeisterung bejaht und ausdrücklich die französischen Komponisten Olivier Messiaen und Pierre Boulez und sogar den jungen deutschen Neutöner Karlheinz Stockhausen große Künstler genannt.

Nun ist zwar Milhaud nicht wie Ansermet ein „Mathematiker“, doch still: Walter Abendroth auch nicht. Und schließlich darf auch bezweifelt werden, daß die „Zwölftonfans“ noch eine „kleine Atempause“ haben, ehe die deutsche Ausgabe des Ansermetschen Buches ihnen die Luft nimmt. Boulez beispielsweise lebt zwar in Baden-Baden, hat jedoch seine Muttersprache noch nicht verlernt – wie sich zeigte, als er neulich in Paris mit Strawinskij nicht nur speiste, sondern auch über Musik sprach – und die meisten zwölftonigen Westdeutschen wissen mit der französischen Sprache leidlich genug umzugehen, daß sie in der Lage sind, die Ansermetschen Zerschmetterungen in voller Wucht zu spüren.

Aber im Ernst: Wenn H. H. Stuckenschmidt – der im Abendrothschen Vokabular unter die Rubrik „altgedienter Propagandist des Avantgardismus“ fällt – meinte, es sei an der Zeit, dem geistigen Gehalt, wo immer er sich finde, mehr Aufmerksamkeit zu schenken, dann sollten wir darüber froh sein. (Es ist nicht nur an der Zeit, sondern dies ist auch an der ZEIT, deren Mitarbeiter Abendroth seit mehr denn einem Jahrzehnt ist. Und niemand würde es mehr begrüßen als, wir, wenn seine durchweg un-dodekaphonischen Kompositionen mehr beachtet würden – zum Beispiel auch von dem großen Kritiker Stuckenschmidt, der gewiß nicht zu jenen Fachleuten gehört, die Strawinskij so eindrucksvoll beschimpfte!)

Die „Avantgardistenthese von der ausschließlichen Erstrangigkeit der Zwölftönerei“, wie Abendroth es nennt, ist wirklich eine ärgerliche Sache oder eine ärgerliche Sache – gewesen, ebenso ärgerlich wie ein ausschließlicher Vorrangsanspruch der abstrakten Malerei. Aber hören wir nicht, daß Komponisten wie Fortner, Henze, Liebermann die von Schönberg gefundene, entwickelte und künstlerisch erfüllte Zwölfton-Lehre durchaus nach eigenen künstlerischen Prinzipien verwenden – nicht als Einschränkung, sondern als enorme Bereicherung des Tonmaterials? Hören wir das nicht?