Düsseldorf/Enschede

Die bangen Nächte des Tierhändlers Heinz Vieten in Büttgen-Vorst bei Neuß nehmen kein Ende. Nachts um ein halb zwei Uhr wird er vom Telephon aus dem Schlaf gerissen und muß sich anhören, was Unbekannte über ihn denken. "Tierquäler" und "Sie dreckiges Schwein, können Sie um diese Zeit schon schlafen?" sind dabei die harmlosesten Injurien der nächtlichen Ruhestörer. Wenn Heinz Vieten auch ihre Namen nicht kennt, eines weiß er sicher: Es können nur die Tierfreunde sein, die ihn so quälen. Denn schon seit einiger Zeit attackieren ihn deutsche Tierschutzverbände und holländische Tierfreunde öffentlich und heimlich.

Heinz Vieten kauft und verkauft Kater, Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Mäuse und Frösche "für wissenschaftliche Zwecke". So steht es auf seiner Preisliste, auf der er die Tiere anbietet: Hunde bis zehn Kilogramm für zwanzig Mark, über fünfundzwanzig Kilogramm für achtzig Mark; Katzen unter einem Kilogramm für vier Mark; Frösche "unsortiert", je Stück zu einer Mark. Vieten war auf die Fragen der Tierfreunde, denen vor allem die Herkunft der angebotenen Hunde und Katzen keine Ruhe läßt, bisher wenig mitteilsam. Wie die Tierfreunde vermuten, nicht ohne Grund: Entlang der Grenze gibt es gar manche Holländer, die ihre Kater und Hunde wieder holen möchten, wenn sie nur wüßten, wo sie steckten. Und sie verdächtigen Heinz Vieten.

Als Vieten vor einiger Zeit vom holländischen Tiermarkt in Nijverdal mit seinem Lastwagen an den Grenzübergang Glanerbrug kam, erwartete ihn dort schon die Professorengattin Luise Polak. Auch sie vermißte seit einiger Zeit ihren Kater. Frau Polak streifte ihren Opalring von der rechten Hand, ging auf den Tierhändler zu, sprach: "Hören Sie mal – von allen Tierfreunden und wohldenkenden Menschen gibt es nur eine Antwort" und schlug ihn auf die Wange.

Heinz Vieten schrie: "Die Spitalkosten sind für Sie." Ein holländischer Zollbeamter rief seiner Landsmännin empört zu: "Keine Gefechte an der Grenze. Meinen Sie, Sie seien in einem kommunistischen Staat?" Luise Polak entgegnete ruhig: "Ich bitte alle Herren Zollbeamten, meine Handlungsweise zu entschuldigen. Ich weiß, daß sich so etwas für eine Dame nicht gehört. Aber man mußte sich etwas Spektakuläres ausdenken, um der Öffentlichkeit ein Zeichen zu geben. Denn hier geschieht Unrecht." Und dann bat sie darum, die Polizei zu holen. Zu ihrem Erstaunen rief der Tierhändler: "Keine Polizei, keine Polizei!"

Die Polizei griff nicht ein, und Heinz Vieten zog seinen Strafantrag wieder zurück – der "symbolische Backenstreich" aber brachte Frau Polak eine Publicity ein, die sie nicht gewollt hatte. "Die Öffentlichkeit sollte doch nicht auf mich, sondern auf Vieten aufmerksam werden", klagte sie. Nun nennt man sie in einem Atemzug mit den Funktionären des Tierschutzvereins. Und auch das möchte sie nicht. "Die haben doch nichts getan, um dem Unrecht zu begegnen", sagt sie.

"Wir hatten keine Handhabe", versichert Siglinde Börnsen vom Düsseldorfer Vorstand des Tierschutzvereins. "Aber wir vermuteten bei dem Tierhändler schon lange Schreckliches." Heinz Vieten war ihr bekannt von einem Besuch im Tierasyl. Er bot ihr für alte Hunde, "die niemand mehr haben will, selbst wenn ich noch Geld dazulege", zwanzig Mark. Frau Börnsen wurde stutzig und dachte an Vivisektion. Die alten Hunde blieben im Asyl.