Ein Wort hat in den vergangenen Jahren Karriere gemacht: manipulieren. Sicher, weil es die deutsche Neigung ausdrückt, allerzeit und allerorts anonyme Machenschaften der abgefeimtesten Sorte zu wittern. Da lebt man arglos in den Tag hinein, und im Schummer sitzen Drahtzieher, ziehen an den Drähten, spinnen feine Ranke, ziehen und zerren, mit behenden Fingern, die vor allem geübt sind, Geld einzustreichen: Achtung, es wird manipuliert! Bis jemand daherkommt, ihnen die Larve vom Gesicht zu reißen, sie bloßzustellen, anzuschwärzen, anzuprangern, zu brandmarken und ihre Machenschaften zu plakatieren.

Das Entlarven in Ehren – nur daß sich der Entlarver nicht allein auf die rhetorische Wirkung seiner Enthüllung verlassen kann, sondern tunlichst darauf zu achten hat, daß die Tatsachen stimmen. Ein Herr vwg von der Deutschen Zeitung hat es versäumt, und was er „entlarvte“, in einem Bericht über eine vom Kongreß für die Freiheit der Kultur veranstaltete Diskussion, die sich eigentlich mit Nutz und Frommen von Literaturpreisen zu beschäftigen vorhatte, ist der „Seiler-Teller“. „Das einzige handfeste Ergebnis“, so schreibt er, „das (der Abend) brachte, aber war: Die Seller-Teller werden manipuliert. Das sollte man zweimal sagen. Das sollte man sogar plakatieren. Einige Augenblicke lang stieß das Gespräch in jenen Bereich vor, wo das Gezerre der handfesten Interessen, jener ‚Literaturpolitik‘, bei der Geld, viel Geld im Spiel ist und nicht nur Geist, Kunst und gute Absichten, vonstatten geht... Die Seller-Teller sind eine besonders raffinierte Form der Spekulation aufs Prestige – der unterschwelligen, dadurch nur um so wirksameren Werbung... es wird hohe Zeit, nach Kräften darüber zu schimpfen und aller Welt zu sagen, daß die ‚Seller-Teller‘ gelogen sind.“

Daß man gegen alle Arten von Bestseller-Listen allerlei vorbringen kann, ist uns nun allerdings geläufig. Hätten wir es nicht schon gewußt, ehe diese Rubrik noch aus der Taufe gehoben wurde – fünf Jahre Praxis hatten genügt, uns mit allen erdenklichen Einwänden vertraut zu machen. Aber das hier, der Vorwurf der Manipulation, wobei diskret zu verstehen gegeben wird, wir zerrten mit um Geld, viel Geld – das ist neu. Es mußte ein Vauwege daherkommen, uns das zu lehren.

Wie der Seller-Teller zustande kommt, nie haben wir ein Hehl daraus gemacht. Aber vielleicht hat es vwg nicht so richtig verstanden. Also: fünfzehn Buchhandlungen in dreizehn deutschen Großstädten nennen uns am Ende jeden Monats die zehn Bücher, die bei ihnen am meisten verlangt wurden; über den Platz auf dem Seiler-Teller entscheidet die Häufigkeit der Nennungen. Die eine Buchhandlung liefert ganz mechanisch die Unterlagen der Registratur, die andere veranstaltet kleine Konferenzen des Verkaufspersonals, in der dritten schüttelt sich der Inhaber oder Geschäftsführer seine Angaben – nun, vielleicht sogar aus dem Ärmel. Wir bitten um Gewissenhaftigkeit, Vorschriften aber gibt es natürlich nicht. Daß so wissenschaftlich exakt eine „objektive Wahrheit“ ermittelt werden könnte, haben wir nie behauptet oder vorgetäuscht. Die wäre nur dann festzustellen, wenn sämtliche deutschen Verlage laufend und zuverlässig ihre Verkaufszahlen bekanntgäben – und dazu wird es nie kommen.

So ist denn von vornherein zu berücksichtigen: daß die Auswahl unserer Buchhandlungen (die wir nur darum nicht gerne „führend“ oder „repräsentativ“ nennen, weil es außer ihnen noch viele andere gibt, die mit Recht Anspruch auf ein solches Prädikat erheben könnten) nicht ohne Folge für die Auswahl der Bücher bleiben kann, die sie uns angeben; und des ferneren, daß wir bestimmte Buchgattungen grundsätzlich ausgeschieden haben – Fach- und Lehrbücher, Reiseführer, Nachschlagewerke und Jugendliteratur. Wir bitten also höflichst, es nicht als „Manipulation“ zu verstehen, wenn etwa der Duden, der Shell-Autoatlas, Friedrichs Tabellenbuch für das Metallgewerbe, Gauß’ Logarithmentafeln, Karl May oder „Fury“ (alles Bücher, deren Verkaufszahlen möglicherweise die des „Doktor Schiwago“ übertrafen) nicht auf dem Seller-Teller erschienen sind – für sie ist dieses Thermometer nicht bestimmt.

Wie aber, wenn diese fünfzehn Buchhändler schwindelten? Einer von ihnen, der an jener Kölner Diskussion teilnahm, gab es ja zu, so stellt in der Deutschen Zeitung auch zu lesen: er sage keineswegs die Wahrheit. Das ist bedauerlich, und wir werden uns mit ihm auseinanderzusetzen haben; aber davon abgesehen wäre es tollkühn, deswegen den Seller-Teller für gelogen und manipuliert zu halten. Wenn der eine oder andere Buchhändler meinen sollte, Fehldispositionen bei der Bücherbestellung wiedergutmachen zu können, indem er noch ein paar Titel dazuschreibt, die er nur gerne verkauft hätte, aber durchaus nicht gut verkauft hat, und so auf ein bißchen Reklame für die liegengebliebenen Bestände hofft, so überschätzt er einfach das Gewicht seines Stimmzettels. Auf dem Seller-Teller stand noch nie ein Euch, über dessen Erfolg sich nicht mindestens fünf der fünfzehn Sortimenter einig waren. Da wäre also eine Buchhändler-Verschwörung großen Stils nötig, und auch wer uns nicht zutrauen möchte, daß wir die schnell genug entdecken würden, muß schon an Verfolgungswahn leiden, um sie überhaupt in Betracht zu ziehen.

Gewiß, der Seller-Teller wirbt auch für Bücher, so wie jede Erwähnung wirbt; in irgendeiner Weise mag er dazu beitragen, Bucherfolge zu stabilisieren – obwohl man vor einer Dramatisierung nicht nachdrücklich genug warnen kann, denn meßbar ist diese „Selbstinduktion“ nicht, und die etwas davon verstehen, Buchhändler wie Verleger, äußern da höchst widersprüchliche Ansichten. Was man der ganzen Demoskopie vorwerfen kann, daß sie nämlich in irgendeinem unwägbaren Grade die Tatsachen, die sie nur zu registrieren vorgibt, schaffen hilft, trifft wahrscheinlich auch für die Bestseller-Listen jeder Machart zu.