London, im Juni

Am zweiten Tag der großen EWG-Debatte im Unterhaus sagte Harold Wilson, der Außenminister des Labour-Schattenkabinetts: „Wenn die Verhandlungen scheitern sollten, so wird es nicht das Ende der Welt sein; wir haben dann noch immer unsern großen Dollarhandel, unsern Ost-West-Handel, unsern Commonwealth-Handel...“

Der Satz faßt die Gesamtstimmung der Debatte zusammen. Es hat eine Annäherung der beiden großen Parteien – ja, aller drei Parteien – in dieser Frage stattgefunden; und zugleich haben sich die scharfen Gegensätze zwischen Fürsprechern und Widersachern gemildert. Es ist bezeichnend, daß George Brown, der stellvertretende Führer der Labour-Partei, über den Beitritt sagte: „Ich hoffe, noch immer, es wird uns gelingen.“ Aber es ist ebenso bezeichnend, daß Duncan Sandys, seit Jahren ein exponierter Vorkämpfer des Beitritts, Wilsons Satz vom „Ende der Welt“ zustimmte: Nein, es würde nicht das Ende der Welt sein – „wenn auch ein großes Unglück.“

Diese Übereinstimmung des Erz-Konservativen mit dem Erz-Sozialisten ergab sich, als Duncan Sandys erklärte: „Niemand darf sich einbilden, daß Großbritannien beitreten wird, wenn es die bestmöglichen Bedingungen erzielt hat – gleichgültig ob die Bedingungen befriedigend sind oder nicht.“ Das Diktum wird von einer großen Mehrheit des Unterhauses, rechts und links, akzeptiert – von derselben großen Mehrheit, rechts und links, die heute für den Beitritt ist.

Es ist nicht die Souveränitätsfrage, die Großbritannien von den „Sechs“ trennt. George Brown sagte, „die Souveränitätsfrage wurde übertrieben ... der Souveränitätsverlust, der im EWG-Beitritt beschlossen ist, kann leicht angenommen werden.“ Andere Fragen aber sind so schwierig, daß die Einhaltung des ursprünglich vorgesehenen Fahrplans immer unwahrscheinlicher wird.

Die „Sechs“ waren mit Großbritannien übereingekommen, daß die Vereinbarungen im Grundriß Ende Juli vorliegen sollten. Aber je konkreter und kritischer die Verhandlungen in Brüssel werden, desto klarer scheint es, daß dies zu optimistisch war; in Brüssel wird jetzt schon weniger von Juli als von Dezember gesprochen. Und Macmillan wurde im Unterhaus vom stellvertretenden Führer der Labour-Partei nahegelegt: „Wenn der Premierminister je den unwürdigen Plan gehabt haben sollte, diese Frage (des EWG-Beitritts) als einen Wahl-Trick zu verwenden, so muß er das jetzt fallen lassen. Er muß den Verhandlungen gestatten, sich weiter zu entwickeln, und er muß an seine Wahlprobleme auf eine andere Art herangehen. Juli – oder September – sind keine heiligen Daten. Man muß Zeit haben, um ordentlich zu verhandeln ...“ Und Lord-Siegelbewahrer Heath gab ihm Recht: Er hoffe zwar noch immer, daß der Grundriß der Einigungen Ende Juli vorliegen werde – „aber ich bin nicht bereit, zeitlich befristete Verhandlungen zu führen.“

In Brüssel handelt es sich jetzt um die Frage der landwirtschaftlichen Exporte aus Neuseeland (vor allem), aber auch aus Australien und Kanada, der Export von Getreide, Fleisch und Milchprodukten. Die französische Delegation hält sich mit höflicher und unnachgiebiger Korrektheit an den Buchstaben des Vertrags von Rom; ihr Verhalten beweist gewiß nicht, daß es im Chateau de Champs zu einer Verbrüderung de Gaulles mit Macmillan gekommen sei. Da Paris ja mittlerweile London offiziös, Wenn nicht offiziell, um Entschuldigung für die optimistische Stimmungsmache gebeten hat, die Macmillans Besuch folgte und die London so verstimmte – kann man jetzt getrost feststellen: Im Chateau de Champs hat sich kein Wunder ereignet. Man kann auch hinzufügen (was sich nun herausgestellt hat), daß die beiden Staatsmänner mehr von Milchprodukten, Getreide und Fleisch sprachen, als von Kernwaffen.