In seinem 74. Lebensjahr verstarb in Zürich Gottlieb Duttweiler, Gründer und Präsident der zweitgrößten schweizerischen Einzel Handelsorganisation, der Migros-Genossenschaft.

Dem Berufe nach Kaufmann und Unternehmer, hatte sich Duttweiler in verschiedenen Branchen und auch im Ausland Erfahrungen gesammelt, die er 1925 zielstrebig in die Tat umzusetzen wußte. Sein Migros-System sollte den Einzelhandel revolutionieren und die moderne Form der Lebensmittel-Verteilung werden. Fixpunkte dieses Systems waren der hochrationalisierte Vertrieb, standardisierte Verpackung und Dosierung der Waren, sowie günstigster Einkauf. Bei maximaler Umsatzleistung sollte die Handelsspanne möglichst klein gehalten werden. (Duttweiler schuf als erster in der Schweiz das mobile Verkaufsgeschäft und später den Selbstbedienungsladen).

Während der ersten zehn Jahre kämpfte die Migros einen harten Kampf gegen ihre Konkurrenten im Detailhandel und gegen den Boykott der Fabrikanten. Diese feindliche Haltung der Produzenten (die großen schweizerischen Markenunternehmen haben der Migros nie geliefert), wurde zum Bumerang: die Migros mußte sich eine ganze Kette von verarbeitenden Betrieben zulegen, die Güter des täglichen und des dauerhaften Bedarfs (von der Seife bis zum Kühlschrank) herstellten. Dabei blieb die Migros aber nicht stehen: sie vermittelt heute auch Kulturgüter (wie Bücher, Schallplatten und Unterrichtskurse, ja sie organisiert Konzerte und Theater, usw.), sie ist im Tourismus ein Großunternehmen (Hotel-Plan) und ist schließlich auch in die Mineralölbranche „eingebrochen“ (Migrol und Frisia). Die Migros weist heute einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Franken aus; sie betreibt ihr Geschäft, wie man schätzen kann, auf einer Gewinnspanne von etwa 15 %.

Neben seinem Beruf hatte Duttweiler aber sein Hobby, die Politik. In der Uberzeugung, nicht genug für die Konsumenten tun zu können, indem man ihnen nur billig Waren liefert, gründete er in der Mitte der dreißiger Jahre den „Landesring der Unabhängigen“ – eine Bewegung, die zwischen den Extremen von links und rechts manövrieren sollte. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten fand die Partei Eingang in einige kantonale Parlamente in der Nordostschweiz und konnte bald darauf eine Fraktion im Nationalrat (mit Duttweiler als Abgeordnetem) bilden. Der politische Höhepunkt der Unabhängigen kam nach dem Kriege: „Dutti“, wie er im Volksmund genannt wurde, verschenkte ein Mammut-Unternehmen den Migros-Kunden, indem er sie eine Genossenschaft bilden ließ und ihnen sein Vermögen in Form von Anteilscheinen zu 10 Fr. vermachte. Noch einmal zeigte sich da seine außerordentliche „Verkaufspsychologie“. Denn nun war die Migros eine riesige Gemeinschaft geworden (man bezeichnet sich bescheiden als „Familie M“): sie besaß den Goodwill breitester Bevölkerungskreise, war finanziell eine Großmacht, verfügte über einen starken Parteiapparat und auch über zusätzliche Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, nämlich eine Tageszeitung „Die Tat“ und die Wochenzeitung „Wir Brückenbauer“ (sie hat eine Auflage von 300 000 bis 500 000 und wird unentgeltlich an die Genossenschafter abgegeben).

In Duttweilers Vermischung von Geschäft und Politik haben viele Eidgenossen eine Gefahr sehen wollen und der Neid der sozialdemokratischen sowie der konservativen und konfessionellen Parteien läßt sie heute noch mit scharfen Waffen gegen Duttweilers Bewegung kämpfen. Sie blieb denn auch auf die Urbanen Regionen beschränkt – ein buntes Konglomerat der „unentschiedenen Mitte“, eine Konsumenten-Partei, die „Demokratie“ und „Verbraucherinteresse“ gleichsetzt.

Die Verbindung von Geschäft und Politik – ersteres unter dem Schlagwort „soziales Kapital“, letzteres unter dem Motto „Politik des Herzens“ oder „nichts gegeneinander, sondern füreinander“ – ist Abbild der Persönlichkeit Duttweilers. Sein praktischer Sinn wurde beherrscht vom kaufmännisch-Rationalen, sein Ethos strebte nach dem Ideal des Gerechten und Sozialen. Deshalb mußte „Dutti“ zum Streiter werden, zum Missionar, der seine eigene Vorstellung vom „Heil“ in die Wirklichkeit umzusetzen trachtete. Die Ehe Duttweilers blieb kinderlos, seine väterliche Fürsorge umschloß deshalb seine „Familie M“. H. Riedle