Dem Schreiber anonymer Briefe vorzuwerfen, er verleugne sich selbst, ist eine infame Verleumdung! Zugegeben, er drängt dem Empfänger nicht seinen Namen auf. Aber dafür tun Inhalt und Stil des Briefes um so eindrucksvoller die Person des Schreibers kund! – Ein anonymer Brief ist ein Aquarium, das jedem Kenner der Tiefenseelenflora Vergnügen bereiten muß: durch die exotische Farbkraft der Worte, durch die zackige Alogik der Beweisführung und durch den bizarren Mut zur hemmungslosen Selbstoffenbarung! Besondere Beachtung verdient das ringelflinke Gewürm gewisser Leidenschaften, dessen feingliedrige Struktur so sensibel ist, daß es die Alltagsoberfläche menschlichen Umgangs meidet. Auch gibt es hier krakenartige Gelüste zu sehen, die vornehm-gelassen Nebelwolken ätzender Säure absondern, um ihr Opfer zu betäuben. Wer behaupten wollte, ein anonymer Briefschreiber verleugne sich selbst, ist darum ein Lügner. Er wäre nicht wert, einen anonymen Brief zu erhalten.

Aber nicht nur in ästhetischer Hinsicht verdienen anonyme Briefe unsere Aufmerksamkeit. Wer der Moral Geschmack abgewinnt, wird hier auch eine seltene Anhäufung edler Motive bemerken. Denn die moralische Entrüstung scheint ein nährhaltiger Boden dieser Art Poesie zu sein. Da aber sittliche Größe keine Eigenschaft ist, mit der man prunken soll, versteht sich die Anonymität solcher Briefe von selbst. – Die meisten dieser Briefe werden geschrieben, um den Adressaten in selbstloser Weise darüber aufzuklären, daß er ein „Gesinnungslump“, ein „Wüstling“, eine „Heuchlerische Kanaille“ ist. Wer wollte daran zweifeln, daß es ein gutes Werk ist, den Unwissenden zu belehren? Es spricht für den Takt des Schreibers, daß er sich im Verborgenen hält, um dem so Informierten zu ersparen, sich Aug’ in Aug’ gedemütigt zu sehen!

Anonyme Briefe lassen sich in verschiedene Spezies einordnen. Da gibt es zunächst jene, die primär auf das allgemeine Wohl abzielen und den Empfänger nur insofern meinen, als er ein besonders abscheulicher Attentäter auf dieses allgemeine Wohl ist. In diesem Falle empfiehlt sich der sogenannte „offene Brief“. Daß die Presse sich scheut, solche nicht signierten Briefe zu drucken, ist unverständlich. Denn es ist doch ihre Aufgabe, das Sprachrohr der „Allgemeinheit“ zu sein!

Von dieser Spielart neben sich jene Briefe ab, denen es, aus pädagogischer Sorge, vor allem um das Seelenheil des Angeschriebenen geht. Schon formal sind Moralpredigten dieser Art deutlich daran zu erkennen, daß dem Schreiber offenbar das Herz blutete, weil er sich zu harten Worten gezwungen sah. Auch die Unterschrift bezeugt die Gesinnung: „Ein wohlmeinender Freund!“ oder „Einer, der sich sorgt!“ oder „Ihr besseres Selbst!“

Wir, die wir durch die Not der Zeit den Wert der Untergrundbewegung und die Kühnheit der Partisanen schätzen lernten, sind auch imstande, die Bedeutung anonymer Drohbriefe angemessen zu bewundern. („Wenn Sie noch einmal mit der Tür knallen, werde ich Ihre Katze vergiften!“ oder „Meinen Sie, Herr Minister, Ihre Wähler als Fußmatte benutzen zu dürfen?“) Wer spürt hier nicht den Pulsschlag der gemeinsamen Verantwortung, der jedes „Ohne mich!“ fremd ist? Wer sieht hier nicht den blanken Mut des kleinen Mannes, den auch ein Goliath nicht abzuschrecken vermag? Die „Namenlosigkeit“ – hier alles andere als farblose Feigheit oder formloser Massengeist! – wird zum Ehrentitel der geknechteten Kreatur, die sich entschlossen gegen das Unrecht aufbäumt!

Der Schreiber anonymer Briefe zählt darum zur Bürgerwehr des Volkes. Ohne Lohn oder Ruhm zu begehren, verheizt er sich als Wächter für Kultur und Moral, für die öffentliche Sauberkeit, für Ordnung und Anstand. – Gerade deswegen sollte man wünschen, daß solche Ehrenmänner sich nicht selbst leichtfertig gefährden. Je kühner sie sich einsetzen, je heftiger sie attackieren: um so mehr müssen sie besorgt sein, ihre Anonymität zu schützen. Sie sind ein zu kostbarer Bestandteil der Gesellschaft, als daß sie sich aus falsch verstandenem Mute bloßstellen dürften!

Man möchte ihnen zurufen: „Seid vorsichtig! Benutzt eine fremde Schreibmaschine. Ein Typenfehler könnte sonst euer kampferprobtes Visier lüften! – Werft den Brief in einem anderen Stadtbezirk ein! Manch einem wurde die Nummer seines Postamtes schon zum Verhängnis! – Verwendet nicht euer gewohntes Schreibpapier, wählt eine andere Sorte! – Und vor allem: Zeigt euch eurem Gegner, falls ihr ihm begegnet, von der freundlichsten Seite. Damit kein Argwohn aufkommen kann! Und damit – schlimmstenfalls – klar bleibt, daß ihr doch nur sein Bestes im Sinne hattet!“