Von Jürgen Eyssen

Stockholm am Abend des 18. Januar 1961. Im Erdgeschoß der ehemaligen deutschen Botschaft drängen sich etwa einhundert Herren im Abendanzug: Prominente Vertreter des geistigen Lebens, Diplomaten, Künstler, Journalisten, in die enggestellten Stuhlreihen. Aus Raummangel muß man auf den Damenflor verzichten. Das neugegründete Deutsche Kulturinstitut wird eröffnet. Professor Walter Höllerer brilliert in einem geistvollen Vortrag über die „Deutsche Sprache als Widersacher der Gewalt“. Ein hoher Herr aus Bonn, Vortragender Legationsrat I. Klasse, Dr. Hanns Hilgard, übermittelt die besten Wünsche des Auswärtigen Amtes. Botschafter von Marchtaler bringt einen Toast aus. Der „Institutsleiter“ (pompöser Titel für einen Zweieinhalb-Mann-Betrieb) liest stockend und holprig seine ersten Sätze in der Landessprache, was immerhin ein Lächeln auf den Mienen der kühl und höflich distanziert zuhörenden Schweden hervorruft. Bei der anschließenden obligaten Steh-Party, das Sektglas in der einen, das „Smörgås“ in der anderen Hand, ist man sich einig in der Genugtuung darüber, daß nun endlich, endlich auch die Bundesrepublik ...

Jede deutsche Kulturarbeit im Norden hat von vornherein mit einer gewissen Reserviertheit der schwedischen Öffentlichkeit zu rechnen. Zu wach ist hier noch die Erinnerung an den Krieg, an deutsche Truppen, die mit Gewehr bei Fuß an der schwedischen Grenze standen. Eine einflußreiche deutsche Emigrantenkolonie verfolgt die Entwicklung in der Bundesrepublik mit größtem Interesse und immer noch nicht eingeschlafenem Argwohn. Jede Ungeschicklichkeit kann dieses sanft schwelende Feuer eines latenten Mißtrauens zu hellen Flammen auflodern lassen.

Vergebens wies man jene bundesdeutschen Rechercheure, die in besonderer Mission nach Stockholm gereist waren, um für den Wahlkampf Propagandamunition gegen Willy Brandt zu sammeln, darauf hin, daß dieses Unternehmen dem schwedischen Denken einigermaßen unverständlich sei und Befremden hervorrufen könne.

Man hörte nicht auf die Warner, und die Folge war ein Entrüstungssturm in der gesamten schwedischen Presse.

Man hätte also erwarten können, daß die Bonner Dienststellen alles daransetzen würden, um die Arbeit des künftigen Deutschen Kulturinstitutes nachdrücklich zu unterstützen. Leider wurde schon bei der Einrichtung des Institutes mehr improvisiert als vorausschauend geplant. Trotz der investierten Mittel von nahezu 100 000 Mark waren die Räume für die gedachte Aufgabe von vornherein viel zu klein. Für Vorträge steht ein sogenannter „Mehrzweckraum“ zur Verfügung, der im Höchstfall für achtzig Stühle Platz bietet. Tagsüber dient der gleiche Raum mit den obligaten Teak-Tischen und -Sesseln als Lese- und Zeitschriftenzimmer sowie als Ausstellungsraum. Vor und nach jedem Vortrag (gelegentlich gibt es deren mehrere in einer Woche) müssen die Stühle aus dem Keller herauf- und wieder hinabtransportiert werden.

Die Regale der winzigen Bibliothek bieten für höchstens zweitausend Bände Platz. Die oberen Bretter sind so hoch angebracht, daß es einiger Kunstfertigkeit im Klettern bedarf, um an die Bücher heranzukommen. Nur ein Minimum an Literatur kann hier aufgestellt werden. Daß vor Eröffnung die vorhandenen Buchbestände ergänzt und von solchen Glanzleistungen deutscher Kulturgeschichtsschreibung wie Ludendorffs „Kriegserinnerungen“ oder Papens „Der Wahrheit eine Gasse“ befreit werden mußten, sei nur am Rande erwähnt. Dabei wird in Schweden als dem Lande hervorragend ausgebauter Büchereien mit großen deutschsprachigen Abteilungen der Wert oder Unwert gerade eines solchen Institutes an den vorhandenen Buchbeständen gemessen.