Hinter der Elbe: Mal fehlen Kartoffeln, mal Kohlen, mal die Wurst

C. M., Berlin

Die „Deutsche Demokratische Republik ist – abgesehen davon, was sie sonst noch alles ist – das „Land der Engpässe“. Es gibt in stetem Wechsel „Textil-Engpässe“, „Lebensmittel-Engpässe“, „Kohlen-Engpässe“. Nicht, daß die Menschen nackt, hungrig und frierend wären! Aber sie leiden Entbehrungen und jeweils verschiedener Art. Die Gründe? Dafür einige Beispiele:

Die Mitglieder einer sogenannten „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft – LPG“ haben seit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft den Achtstundentag. Wenn sie aber mehr arbeiten, so werden nicht etwa Überstunden gezahlt. Die Einnahmen des einzelnen Ex-Bauern richten sich nach dem Gesamtertrag der „Genossenschaft“. Arbeitet eine „LPG“ erfolgreich, so verdienen ihre Mitglieder wöchentlich bis zu 150 Ostmark. Da jedoch fast alle „LPGs“ weit unter dem Ertrag einer Privatwirtschaft arbeiten, erhalten die ehemals selbständigen Bauern eine wöchentliche Auszahlung von etwa 70 bis 100 Mark. Ergebnis? Lebensmittel-Engpaß.

Denn die meisten Ex-Bauern arbeiten tatsächlich acht Stunden am Tag – ohne Rücksicht auf die Jahreszeit. Es ist, als wüßten viele gar nicht mehr, wann die Aussaat beendet sein sollte. So zeigen sich denn heute in fast allen Bezirken der Zone große Lücken in der Ackerbestellung. Und auch die „landwirtschaftlichen Einsätze“ der Städter bringen nicht den gewünschten Erfolg. Man kann zwar eine ganze Stadtbevölkerung auf die Felder „delegieren“ – sie aber zu idealistischer Arbeit an der „Ackerfront“ zwingen, das kann man nicht.

In der Zone spürt man, wenn man in einen Laden eintritt, Gleichgültigkeit und Desinteresse: Leidliche Fülle ein und derselben Sache, die gerade einmal nicht im „Engpaß“ ist, sonst leere Regale. Und wenn man Arbeitern der großen Fabriken begegnet, so geben sie zu, daß sie viel Ausschuß produzieren, der im Sinne einer qualifizierten Industrie beinahe wertlos ist; den Arbeitern bringt dies wenigstens Prämien ein.

Augenblickliche „Engpässe“: Fleisch, Wurst, Butter, Käse, Kartoffeln. Doch täuscht der Besuch von Ostberlin, wo es in den HO-Läden und Kantinen Kartoffeln gibt. Dafür lebt man in der Zone von Teigwaren; nur mittwochs gibt’s Kartoffeln, und dies ausschließlich in den Restaurants und Kantinen. Aber nicht nur in Ostberlin, auch im anderen „Schaufenster“ der „DDR“ – in Potsdam – gewahrt man die „Engpässe“ nicht so sehr. Sie sind das dauernde Übel der kleinen Städte und der Dörfer im Gebiete zwischen Elbe und Oder.