,‚Die letzten Masken“ von Schnitzler – mit verwackelten Akzenten

Am späten Abend kundiges Gespräch. Von aller Spannung befreit, hatten die Zuschauer Gelegenheit, das Spiel der deutschen Fußballmannschaft mit Gelassenheit zu verfolgen. Eine wissenschaftliche Demonstration, ein Kommentar aus heiterer Distanz. Der Sprecher plauderte urban und resigniert; das „hätte“, und „wenn doch“ regierte die Stunde. Die hektischen Rundfunkschreie waren verstummt; man prüfte, wog, verglich... und befand am Ende zu leicht. Die Radiostimmen hatten getrogen, der Sturm – mit der Ausnahme Seelers – war zögernd und müde, Torschüsse ließen sich zählen: Ist der Trainer, fragten die Fans, ein alternder Kanzler?

Wieviel erholsamer als eine Rundfunk-Reportage ist doch der Fernsehkommentar... auch wenn er live gesendet wird. Das Bild bestimmt, der Kenner kann den Sprecher jederzeit berichtigen; der Kommentator hat dem Seher nichts voraus, und deshalb bleibt er sachlich und nimmt sich in acht. Doch wehe, wenn er König ist – ein Souverän, der die Millionen mit der Zauberpeitsche lenkt! Dann herrscht das Pathos und die Emotion, dann wird der Torwart des Gegners grundsätzlich gezwungen, sich zu werfen, dann bedarf es auf der anderen Seite der verzweifelten Tat, um dem Unheil zu wehren, während bei uns alles ganz leicht und mühelos geht: „Keine Gefahr für Deutschland!“

Doch sei’s drum; die Television bringt die Dinge meistens auch dann noch ins Lot, wenn die Kenntnis der Zuschauer den Sachverstand des Kommentators übersteigt: Nur ist es nicht sehr angenehm, Sprechern lauschen zu müssen, die einen ihnen kaum bekannten Film beplaudern. („Jetzt kommt das erste tschechische Tor.“ Denkste... Die Jugoslawen greifen an. „Es gibt eine Ecke!“ Keine Rede... der Torwart schlägt ab.)

Nun, nicht nur der Sport, Fußball und weißes Tennis-Raffinement, auch die Kunst kam zu Wort. Fellini sah das Gesicht der kleinen Provinzstadt mit den Augen der beatniks: junge Ehemänner, streunend und weichlich, schlagende Väter, romantische Dirnen, Totenvögel und alte Schmieranten... ein wenig verstaubt das Ganze, Sozialkritik als Sahne-Baiser; und doch bewegend, wenn die Kamera den Hafen abtastet, den Bahnhof, die Slums, Planken und Schienen; wenn Vorstadtstraßen und Destillen am Strand die Leere zum Leben erwecken, die graue Monotonie und das melancholisch-triste „Heute, morgen und für alle Zeit“.

Am Ende aber blieb alles, der Luftsprung des Torwächters Schroif so gut wie die Verlorenheit von Fellinis nächtlicher Stadt... am Ende, blieb alles hinter dem Schnitzlerschen Schauspiel „Die letzten Masken“ zurück.

Sehr leise, sehr behutsam, nuanciert und zart, kommt die Diktion des Wiener Arztes dem Kammerton des Fernsehspiels in mehr als einer Hinsicht entgegen: weder heroische Gesten noch naturalistische Szenen, keine Haupt- und Staatsaktion! Man spricht hinter der vorgehaltenen Hand, Zwischentöne sind lauter als Schreie, das Schweigen spielt mit.