Ein für Deutschland neuer Roman von Vladimir Nabokov

Diktaturen liegen in der Luft. Es scheint nach allem eher eine Aufgabe der Meteorologie als der Politik zu sein, über Entstehung und Verlauf bestürzende Auskunft zu geben, und was die einschlägige Dichtung betrifft, läßt sich ihre Qualität an ihrer Nähe eben zur Meteorologie ausmachen: durchaus auf die Gefahr hin, daß Sturm und Blitzschlag sie treffen.

Poesie ist, lieblich oder grausam, Nähe zur Evidenz, der Poet eher Wetterfrosch als Auge vor der Meßskala und am wenigsten Wettermacher; sofern aber Phantasie – überirdisch – waltet, horcht er mit verlängerten Sinnesorganen in die Schicksalsnacht, und seine ästhetische Verkündigung ist Vorform recht drastischer Materialisation (darum aber bei weitem noch nicht Programm, gar politisches Programm: womit an dieser Stelle drei Kreuze gemacht seien über alles verfolgende Ressentiment gegen die unbeschlagene Naivität gewisser deutscher Phantasten poetischen Kalibers von bevor die Lemuren kamen).

Ist es anders als politisch platt und angesichts der greueldurchsetzten Realität des Totalitären noch möglich, der Poesie ihr Recht zu erwirken am totalitären Material? Die Rede ist von

Vladimir Nabokov: „Das Bastardzeichen“, aus dem Amerikanischen von Dieter E. Zimmer; Rowohlt Verlag, Reinbek; 286 S., 18,– DM

und damit von einem Autor, der Dichtung verbürgt. Die Handlung führt wie ein Weberschiffchen durch die Textur einer erdichteten Wirklichkeit, und dieses Treffen und Hindurchgehen ist ihre genaue Funktion, wie es schon die Funktion der Lolita-Handlung – jener bahnbrechenden – oder der Lushin- oder der Pnin-Handlung war.

Was wäre sonst für Aufhebens – in erbärmlicheren Händen – davon zu machen?