Ende Mai wurde die technische Abteilung der Lufthansa aufgestört durch ein Fernschreiben aus Seattle (USA). Alle Boeing-Flugzeuge vom Typ 707 und 720, so kabelte das Herstellerwerk, sollten überprüft werden, ob an der hydraulischen Steueranlage ein etwa 20 Millimeter langer Bolzen gegen Herausfallen gesichert sei. Adressaten waren alle Luftverkehrsgesellschaften, welche die Boeing-Düsengiganten eingesetzt haben – 18 an der Zahl.

Knapp 60 Stunden später konnte Lufthansa-Direktor Höltje erleichtert die letzte Vollzugsmeldung in Empfang nehmen. Alle Lufthansa-Boeings waren überprüft und der Einbau einer zusätzlichen Sicherung des Bolzens in die Wege geleitet worden. Safety first!

Mitte voriger Woche machte der Bolzen aber dann noch Schlagzeilen. Unter der Überschrift: „Bolzen schuld an Massentod?“, schrieb die Bild-Zeitung ebenso dramatisch wie falsch: „Durch den herausgefallenen Bolzen blockierte das Seitenruder. Die Boeing 707 zog eine scharfe Linkskurve und kippte über die Tragfläche ab.“

Anlaß war ein Bulletin der amerikanischen Federal Aviation Agency (FAA), in dem es hieß, daß ein harter Steuerausschlag nach links, wie er durch den Verlust dieses kleinen Bolzens auftreten kann, „möglicherweise“ den Absturz einer Boeing 707 am 1. März bei New York verursacht haben könnte. Bei dem Absturz der American-Airlines-Maschine hatten 95 Menschen den Tod gefunden.

Es war dies nicht der erste ungeklärte Unfall einer Boeing. Die Lufthansa verlor bei Mainz eine 720 bei einem Probeflug (mit zwei der erfahrendsten Kapitäne an Bord). Und bei Brüssel stürzte eine 707 mit der amerikanischen Eislaufelite kurz vor der Landung ab. In beiden Fällen stehen die Fachleute noch immer vor einem Rätsel.

Die Bolzen-Theorie der FAA, für die keine Beweisstücke vorliegen, rief am nächsten Tag die amerikanische Luftfahrtbehörde Civil Aeronautics Board (CAB) und die Boeing-Werke auf den Plan. (Das CAB ist zuständig für die offizielle Feststellung der „möglichen Ursache“ des Unfalls.) Beide meldeten Zweifel an. Aber – auch die Untersuchungsbeamten der CAB tippen auf einen Ausfall der Steueranlage. In dem Wrack wurde ein Bauteil der automatischen Kurssteuerung gefunden, in dem einige Drähte abgerissen sind – möglicherweise schon vor dem Absturz, so vermuten CAB-Fachleute.

Ein Ausfall der Steueranlage könnte auch die Abstürze bei Mainz und Brüssel erklären. Parallelen zu der Lockheed-Electra- Unfallserie vor zwei Jahren, die nach einigen von der FAA angeordneten Konstruktionsänderungen abriß, weist Lufthansa-Direktor Höltje allerdings energisch zurück: „Die Ursache lag damals klar auf der Hand. Bei den Boeing-Unfällen haben wir noch keine Anhaltspunkte. Zwei meiner Ingenieure tun seit Monaten nichts anderes, als jeder Möglichkeit einer Unfallursache nachzugehen.“ Auch FAA und die Boeing-Werke suchen weiter.

Höltje: „Uns ist nichts unangenehmer als ein ungeklärter Flugzeugunfall.“ H. M.