Paris, Mitte Juni

Ca y est!“, rief der ehemalige Bürgermeister von Algier, der liberale Jacques Chevalier, am Sonntagmorgen gegen zehn Uhr aus: es war geschafft! Jean Jacques Susini, der zornige junge Mann unter den Zivilisten der OAS (Section Pieds-Noirs), dessen politisches Talent sich in zähen Verhandlungen mit der arabischen Gegenseite etablierte, hatte die Erklärung des FLN-Delegierten bei der Provisorischen Exekutive, Dr. Mostafai, ein letztes Mal geprüft und genehmigt. Vier Stunden später wurde der Text der algerischen Bevölkerung über den Sender France V bekannt gemacht. Die Sensation war perfekt: Der FLN hatte sich unter kräftiger Beihilfe des Präsidenten der Provisorischen Exekutive, Abderrahmane Farès, mit seinem Erzfeind, der OAS, verständigt und ein zweites Ende des Feuers in Algerien verkündet.

Ohne Terrorismus keine Revolution. Nach diesem Gesetz ist der algerische Staat angetreten. Und dies Gesetz ist weder von den Politikern der Vierten Republik, noch von Salan und anderen französischen Militärs und schließlich auch nicht von General de Gaulle widerlegt worden. Der Terrorismus war die erklärte Methode der algerischen Nationalisten, „das Problem zu stellen“. Sie führte insofern zum Sieg, als sie die „Kolonialisten“ zwang, das Prinzip der Selbstbestimmung zu anerkennen und die „Rebellen“ von gestern zu amnestieren. Es war dieses Vorbild, mit dem die OAS-Terroristen die Pieds-Noirs, die Siedler, davon zu überzeugen wußten, daß die politische Anerkennung der europäischen Minorität in Algerien ebenfalls mit Gewalt erzwungen werden müsse. Und zum zweitenmal hat sich nun dieses Gesetz bestätigt. Das ist also die „Moral“ der algerischen Staatsgründung: In der Politik lohnt sich das Verbrechen, wenn es nur genügend lange begangen werden kann.

Dieses zweite algerische Ende des Feuers bedeutet, daß sich nun endlich jene Bevölkerungsgruppen an einen Tisch setzen, die anscheinend wider Willen dazu auserkoren sind, gemeinsam den algerischen Staat zu errichten. Das ist ein gewaltiger Schritt vorwärts in der Anerkennung politischer Realitäten. Er könnte zu guter Letzt herausführen aus dem Zwielicht des „als ob“ und dem Schattendasein unterwühlter Autoritäten.

Es ist eine Situation, die sich manche Beobachter schon lange herbeigewünscht haben, und so hört man denn auch oft die Frage: Warum nicht schon früher? War es denn nach dem Prinzip der Selbstbestimmung nicht von Anfang an klar, daß jene politischen Gruppen an den Verhandlungen beteiligt werden müßten, die später unter den erzielten Vereinbarungen zu leben hätten? Ist die europäische Minorität nicht gerade deswegen in die Fänge ehrgeiziger und gewissenloser Aktivisten und fanatischer Verbrecher getrieben worden, weil sie sich nicht rechtzeitig zu den Papieren von Evian äußern konnte? Doch das sind vielleicht Fragen, die der Geschichte überlassen werden müssen. Es scheint jedenfalls, daß viele Pieds-Noirs die Punkte des Evian-Vertrages gar nicht kennen, weil sie ihn einfach nicht gelesen hatten – aus Mißtrauen.

Die feierliche Erklärung Mostefais enthält drei wesentliche Merkmale:

Die OAS wird als Verhandlungspartner ausdrücklich anerkannt.