Von Ernst Stein

Dieser Tage erscheint in London die erste Gesamtausgabe der Briefe von Oscar Wilde. Eine deutsche Ausgabe wird vom Verlag Rowohlt, Reinbek, vorbereitet.

Seit Shakespeare und Byron ist in Deutschland kein englischer Autor so berühmt geworden wie Oscar Wilde und, etwa um die gleiche Zeit, Bernard Shaw. Beide wurden hier fast zu Klassikern, ihr Ansehen stieg und sank wie bei allen Klassikern, aber seit je waren sie im Ausland höher geachtet als in England. Vielleicht weil die Engländer, die herzlicher über sich lachen können als jedes andere Volk, es schlecht vertragen, wenn man sie auslacht, ohne sie ernst zu nehmen. Findet man sie nur komisch, dann zahlen sie es heim. Und keinem haben sie es so bitter vergolten wie Oscar Wilde. Er hat ihnen die Rache auch am leichtesten gemacht.

Achtzig Jahre lang, seit Lord Byron nach seiner Ehescheidung, mit dem Brandmal der Blutschande, die Heimat für immer verließ, hat es in England keinen literarischen Skandal von solcher Widerwärtigkeit gegeben wie den Prozeß gegen Wilde. Aber was die vornehme Welt von 1816 in ihrem Dünkel als Standesvergehen ahndete, verfolgte die gute Gesellschaft von 1895 als Frevel gegen die bürgerliche Moral. Sie suchte sich, wie schon im siebzehnten Jahrhundert ein Satiriker sagte, von den Sünden reinzuwaschen, denen sie frönte, indem sie Laster verdammte, die ihr ferne lagen.

Nicht allzu ferne übrigens. In sechs Jahrhunderten, unter vier Königen – von Wilhelm Rufus, dem die Kirche das Begräbnis verweigerte, und Eduard II. (Brechtschen Angedenkens) bis zu Jakob I., dem Gönner Shakespeares, und Wilhelm III., über den in den Briefen der Liselotte merkwürdig genug zu lesen ist – hat sich die Sodomiterei, wie die Homosexualität sogar noch im englischen Recht heißt, in England als die gesellschaftliche Seuche, die sie ist, aber künstlerisch vielfach befruchtend ausgebreitet wie in jedem Kulturvolk.

Seit Shakespeares Rivalen Christopher Marlowe, der vermutlich einem derartigen Raufhandel zum Opfer fiel, seit Shakespeares Sonetten selbst, diesem unbegreiflichen Wunderwerk verflochtener Leidenschaften, hat die verfemteste aller Passionen namentlich in der Lyrik, bei Hopkins und Housman etwa, ihrer Verhaltenheit zwingende Zeugnisse des Gefühls abgerungen – bis auf den heutigen Tag, da kaum noch ein Roman oder ein Zeitstück ohne einen queer komplett scheint.

Was wäre ohne den Skandal aus dem Ruhm und Nachruhm Oscar Wildes geworden? Seine selbst den Zeitgenossen kaum faßbare Wirkung war völlig an den Augenblick und an seine Persönlichkeit gebunden: schon das war tragisch. Er hat jede Mode, jede Strömung, jede Idee, die in der übersättigten Luft seiner Zeit lag, mit untrüglicher Witterung aufgegriffen und ein meisterhaftes Spiel damit getrieben; er wurde immer Erster in allem, was er aus zweiter Hand hatte. Ob es die Antike Walter Paterscher Prägung oder der französische Symbolismus war, die Bühnenreißer Sardous oder der Gesellschaftsroman, die Reform der Frauenkleidung oder der kunstgewerbliche Sozialismus jener Tage – mit der ewigen Neugier des großen Dilettanten, aber mit einer blendenden Selbstsicherheit, in der ihm keiner gleichkam, versuchte er alles und ließ alles ohne künstlerische Skrupel wieder fallen, sobald etwas noch Neueres seinen abgestumpften Geschmack reizte. Er konnte nie vertiefen, was er begonnen hatte, denn er durfte sich nicht wiederholen, weil es ihm auf die verblüffende Wirkung ankam und er den Erfolg auf immer neue Art suchen mußte: das war der zweite Akt seiner Tragödie. Und so hat sich sein Ruhm haltbarer erwiesen als sein Werk.