Scout Finch ist acht Jahre alt, ein Mädchen übrigens. Sie wohnt im Süden Amerikas, Maycomb, Alabama, liest den Börsenteil der Tageszeitung, trägt eine Latzhose und ist die (fiktive) Autobiographin des Romans von

Harper Lee: "Wer die Nachtigall stört...", aus dem Amerikanischen von Claire Malignon; Rowohlt Verlag, Reinbek; 376 S., 16,80 DM. Scout hat einen vier Jahre älteren Bruder Jen, mit diesem gemeinsam einen Freund Dill und einen Vater Atticus. Atticus ist Rechtsanwalt.

Zwei wichtige Erlebnisse gibt es in der Zeit, von der Scout berichtet. Der Neger Tom Robinscn ist angeklagt, Mayel.a Ewell, ein weißes Mädchen, überfallen zu haben. Atticus verteidigt ihn vergeblich, er wird von den weißen Richtern und Geschworenen zum Tode verurteilt.

Ebenso wichtig aber ist die Geschichte mit Boo Radley: Der merkwürdige Nachbarssohn hat dreißig Jahre lang das Haus nicht verlassen’, und keiner weiß mehr, wie er aussieht. DieKinder, halb von Furcht, halb von Neugieide getrieben, versuchen alles mögliche, um Boo aus dem Hause zu locken und hinter das Geheimnis der Familie Radley zu kommen. Atticus hat das übrigens streng verboten. Nur durch einen Zufall bekommen sie Boo zum Schluß dann doch zu sehen: er rettet sie, als sie nachts von Mayellas Vater, der sich an den Kindern des "Niggerfreundes" rächen will, überfallen werden. Boo war also kein Gespenst. Er ist sogar neu. "Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt", sagt Atticus, als er seine Tochter nach all den Aufregungen zu Bett bringt.

In Deutschland würde man diesen Roman wahrscheinlich ein Kinderbuch nennen. Wenigstens handelt er von Kindern. Aber: ganz geheuer ist es mit dem Kinderbuch auch wieder nicht. Diese Kinder machen zuweilen Beobachtungen und Bemerkungen, die Erwachsene "unkindlich" finden. Und solche Kinderbücher gibt es in Deutschland nicht Mit einer Ausnahme: Erich Kästner. Aber der bringt die Literaturverbraucher ja auch in eine Klemme. Erwachsene und ernsthafte Menschen bezeichnen ihn gern als "Kinderbuchautor" und sind dann fein raus. Das sind übrigens dieselben, die es andererseits sehr unpassend finden, daß in "Emil und die Detektive" Emil sich mit der Frisöse Tischbein, seiner Mutter, über ihr Einkommen unterhält oder daß Scout und Jem ihren Vater "Atticus" nennen.

In Amerika stand dieses Buch zwei Jahre lang an der Spitze der Bestsellerlisten, und die 34jährige Harper Lee bekam 1960 den Pulitzerpreis dafür. Das ist nicht sensationell, denn in Amerika ist eben alles anders, und abgesehen davon, daß dieser Roman gut ist, ist er eminent amerikanisch. Aus zwei Gründen.

Amerika ist ein Land, in dem Kinder nicht als Dressurhunde, Schwachköpfe oder exotische Pflanzen behandelt werden, das heißt: nicht abwechselnd gedrillt, belehrt oder verpimpelt. Kinder sind dort Menschen. (Daß als Ergebnis diese! Einstellung die lieben Kleinen Mamie und Daddy zuweilen erheblich auf der Nase herumtanzen, ist eine andere Sache.) Sie sind Menschen mit Sorgen, Ansichten und Selbständigkeit. Nur deshalb gibt es dort Bücher wie das von Harper Lee. Und das ist keine Ausnahme. Vielleicht hat es mit Tom Sawyer angefangen, dem rotznäsigen Knirps, der sich allein durch die Gegend und durchs Leben treibt. Der Held von William Saroyans "Menschlicher Komödie" ist der kleine Ulysses Macauley, der nach Kräften seine Familie unterstützt. Der erste Roman und erste große Erfolg von J. D. Salinger "The Catcher in the Rye" (in Deutschland ging das Buch als "Der Mann im Roggen", erschienen im Diana-Verlag, irgendwo im Büchergedränge unter) ist die traurige und komische Geschichte von Holden Caulfield. Er fliegt in allen Schulen raus, stolpert betrunken durch New York und denkt dabei an "Old Phoebe", seine kleine Schwester. Das sind alles keine Trotzköpfchen und keine Sportbuben, sondern kleine Menschen, die, genau wie die großen, mit dem Leben fertig werden oder nicht.