Und da ist noch ein Grund, weshalb das Buch dem europäischen Leser so sehr amerikanisch erscheinen will: Atticus, der einen Neger gegen beinahe eine ganze Stadt verteidigt, Scout, Jem und Dill, die bei der Gerichtsverhandlung aus Ekel vor der grausamen Engstirnigkeit der Erwachsenen heulen – sie sind nicht nur Vertreter einer humanen, liberalen Welt; sie entstammen auch einer überwältigend gesunden und normalen Welt. Sie sind keine Idealfiguren, aber im Innern sauber und gerade. Vergeblich versucht Tante Alexandra, die glaubt, in dem mutterlosen Haushalt zuweilen nach dem Rechten sehen zu müssen, ihnen einzuimpfen, daß man dieses tut und jenes läßt, Teezirkel veranstaltet und überhaupt immer daran denkt, daß man ein (eine) Finch ist.

Im Amerikanischen heißt dieses Buch "To kill a mockingbird", zu deutsch: "Eine Spottdrossel (ein merkwürdiger amerikanischer Vogel, der andere Vogelstimmen imitiert) töten". Der seelenvolle Titel "Wer die Nachtigall stört..." ist wohl durch eifrige Rücksicht auf den deutschen Leser entstanden. Auch abgesehen davon, daß das Töten doch eine recht unsanfte Störung ist, hat da wohl jemand einen Silberblick auf den falschen Leser gerichtet. Denn dieser Roman ist spannend; voller Leben, Kinderleben und Erwachsenenleben; voller Gegensätze, grausam und human zugleich. Daraus gewinnt er seine Glaubwürdigkeit. Wenn es in diesem Buch nur Scouts, Jems, Dills und Atticus’ Anständigkeit gäbe, so könnte es eine platte Angelegenheit sein. Aber sie alle haben ja ihre oft sehr skurrilen Eigenheiten und Schwächen (wenn Atticus beispielsweise nachdenkt oder erregt ist, gibt er immer vor, Zeitung zu lesen). Außerdem sind da eben noch die Rassenfanatiker, die seltsame Familie Radley, die ganz normalen Menschen, die nörgelnden Verwandten und die Negerköchin Cal.

Und das alles spielt sich ab im heißen, amerikanischen Sommer vor einer oft makabren Kleinststadtszenerie, wird ebenso ernsthaft dargestellt (die Negerfrage zum Beispiel) wie ironisch persifliert (der amerikanische Schulunterricht wird zur wahren Komödie).

Der Kinderjargon, gemischt mit dem bunten Südstaatendialekt, ist schwer ins Deutsche zu bringen. Die Übersetzung liest sich glatt, und Gott sei Dank wird dabei nicht immer alles gleich zu Nachtigallen. Wahrscheinlich liegt es auch an der deutschen Sprache, am deutschen Charakter, daß manche Stellen im Original einen ganz anderen Tonfall haben: "I wanted you to see what real courage is, instead of getting the idea that courage is a man with a gun in bis hand. It’s when you know you’re licked before you begin but you begin anyway and you see it through no matter what." In der deutschen Ausgabe sagt Atticus an dieser Stelle zu Jem: "Ich wollte dir zeigen, was wirklicher Mut ist, statt dich in der Idee zu bestärken, daß ein Mann mit einem Gewehr in der Hand Mut bedeutet. Mut heißt: von vornherein wissen, daß man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – aufnehmen und ihn durchstehen."

Wer die Spottdrossel tötet, begeht eine Sünde. Atticus sagt das jedenfalls zu Jem, als dieser ihn fragt, auf welche Dinge er mit seinem Luftgewehr zielen dürfe. Es ist das einzige Mal, daß Atticus Finch, der wohl doch im Mittelpunkt des Buches steht, das Wort "Sünde" in den Mund nimmt. Und weil er nie besonders viel redet, meint er damit vielleicht auch noch einige andere seltsame Vögel, die man in Ruhe lassen soll: Boo Radley in seiner geheimnisvollen Einsamkeit und Tom Robinson in seiner schwarzen Haut. Man darf dem Außenseiter nicht vorwerfen, daß er nicht zur Menge gehört. Ob solche Menschen, die nicht in Reih und Glied passen, auch nett sind? Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt." Petra Kipphoff