Von Georg Gnieser

Nun liegen sie also vor, die lang erwarteten Geschäftsberichte der beiden Ufa-Stammgesellschaften für 1960 und 1961. Bei der Lektüre des Zahlenwerks der Universum-Film AG, Berlin, und der Ufa-Theater AG, Düsseldorf, erinnert sich der Beobachter nur noch schemenhaft des Frühjahres 1956, als nach jahrelangen Verkaufsverhandlungen über das „ehemals reichseigene Filmvermögen“ und nach mancherlei inzwischen im Dunkel der Vergangenheit untergetauchten Entflechtungs-Kapriolen die neue Ufa das Licht der unterhaltungsbeflissenen Welt erblickt hatte. Der Goodwill eines in den „tausend Jahren“ zwar mißbrauchten, aber noch immer zugkräftigen Namens und Firmenzeichens sollte neben den finanziellen Mitteln der Gründer-Banken und am Filmgeschäft beteiligten Zulieferer und Privatleute genutzt werden, um einen zwar nicht marktbeherrschenden, wohl aber für Deutschland repräsentativen Konzern wieder entstehen zu lassen.

Vor zwei Jahren, im Sommer, anläßlich der Vorlage der Abschlüsse für 1959, kam es dann zu dem denkwürdigen „Knall“, dem Hinauswurf des damaligen Vorstands und in der Folgezeit zu den sonstigen dramatischen Ereignissen, deren Ergebnis in Gestalt roter Zahlen jetzt vorliegt. Schon in einer außerordentlichen Hauptversammlung (Mitte 1961) hatte der Vorstand die aktienrechtlich vorgeschriebene Anzeige über den Verlust von mehr als der Hälfte des Grundkapitals erstatten müssen, das bei der Universum-Film AG 10,5 Mill. DM und bei der Theater-AG 8 Mill. DM betragen hatte. Die Ertragsrechnung der Universum-Film AG schließt am Jahresende 1961 trotz Gläubigernachlässen in Höhe von über 2,3 Mill. DM und völliger Auflösung der gesetzlichen Rücklage von 1,05 Mill. DM mit einem Reinverlust von über 10,47 Mill. DM ab, so daß nur noch ein Kapital von ganzen 28 000 DM zu Verfügung steht. Bei der Ufa-Theater AG sind nach Gläubigerverzichten von 6,15 Mill. DM, Auflösung der gesetzlichen Rücklage von 2 Mill. DM und Herabsetzung des Grundkapitals um 5 auf 3 Mill. DM „nur“ knapp 946 000 DM Reinverlust ausgewiesen.

Zwischen der hoffnungsvollen Neugründung und dieser „Elegie in Rot“ aus der Flimmerkiste liegt eine Entwicklung, die auch in den jetzt vorliegenden Berichten nur als „weitere Verschärfung der allgemeinen Filmwirtschaftskrise“ gekennzeichnet wird. Für die Ufa bedeutete die letzte Zwei-Jahres-Etappe die Einstellung der eigenen Spielfilmproduktion und den Verzicht auf manche andere Tätigkeit, die sich in diesem Konzern – im Gegensatz zu einigen anderen Unternehmen der Branche – nur noch in der Verlustzone bewegte. Wer aus den Berichten zu entnehmen gehofft hatte, einges über die speziellen Hintergründe des Krachs vom Sommer 1960 zu erfahren, sieht sich enttäuscht. Vielleicht erscheint es angesichts einer Entwicklung, die auch an anderen Film-Unternehmen nicht spurlos vorübergegangen ist, müßig, jetzt noch danach zu fragen. Tatsache bleibt jedoch, daß der „Sündenbock“ offenbar nicht allein bei wenigen Personen zu suchen ist, die als frühere Vorstandsmitglieder das Aushängeschild der Firma waren.

Verluste hat vor allem, wie sich jetzt zeigt, das Spielfilmgeschäft gebracht, während die technischen Betriebe und der inzwischen auf 40 Häuser geschrumpfte Theaterbetrieb noch unterschiedliche Gewinne gebracht haben. Da die Theater-AG nur durch den Ergebnisausgleich mit der Universum-FilmAG in die roten Zahlen geraten ist, wurde diese Verbindung jetzt gelöst. Der Kapitalschnitt bei der Theatergesellschaft soll ihr auf der schmaleren, aber weniger vorbelasteten Basis die weitere Existenz sichern.

Auf der Hauptversammlung beider Gesellschaften in Berlin wurde die Zukunft bemerkenswert zuversichtlich beurteilt. Dr. Max Bruecher, Krefeld, der jetzt beiden Unternehmen vorsteht, rechnet zwar mit einem weiteren Besucherrückgang in den deutschen Lichtspielhäusern, dennoch glaubt die Verwaltung nach dem bisherigen Verlauf dieses Jahres, schon 1962 einen „wesentlichen“ Teil des Verlustes tilgen zu können. Man trägt sich sogar schon wieder mit Expansionsabsichten. Dabei denkt man vor allem an Premierentheater, vornehmlich in Süddeutschland. Schlechter sind die Aussichten für die Universum-Film AG, Berlin. Nach der Aufgabe der eigenen Spielfilmproduktion sind auch die technischen Betriebe nur noch zur Hälfte und weniger ausgenutzt. Die Verhandlungen mit dem zweiten Fernsehen wurden in diesem Zusammenhang von Dr. Bruecher als „aussichtsreich“ bezeichnet. Da das Anlagevermögen in der letzten Bilanz mit rund 13 Mill. DM ausgewiesen ist, wären im Falle des Verkaufs eine ansehnliche Tilgung, wenn nicht gar ein voller Ausgleich des Verlustvortrages von 10,5 Mill. DM vorstellbar. Was dann noch von dem Glanz des UFA-Rhombus bei der Universum-Film bleibt, hat zwar nichts mehr mit der Bedeutung und Macht des alten Konzerns gemeinsam, könnte aber in absehbarer Zeit ein gewinnbringendes Geschäft versprechen. Die bisherige Betriebsabteilung UFA-Werbefilm, der zweitgrößte deutsche Produzent dieser Sparte, arbeitet immerhin mit Gewinn. Die Musikverlage (Wiener. Boheme-Verlag GmbH und UFA-Ton-Verlags-GmbH, beide Berlin) haben sich stets in der Gewinnzone bewegt. Die UFA-International GmbH, München, die Filmstaffeln im- und exportiert, hat im Ausland, besonders in Südamerika und Fernost, eine beachtliche Marktstellung errungen und war kürzlich bei dem Festival in Cannes der bedeutendste Verleiher. Nicht zuletzt verfügt die Universum auch noch über die alten UFA-Filme, die einst den fast legendären Ruf der Gesellschaft begründeten, So zeichnet sich für die Universum-Film die Aufgabe einer Holding ab, die über nicht gerade spärliche Ertragsquellen verfügt. Die Zeiten allerdings, in denen ein „Münchhausen“ alle Effekte der Flimmerkiste auf ein kinofreudiges Publikum niederprasseln ließ, dürften vorbei sein.