Von Theo Fürstenau

Pariser Halbwelt. Der Film zitiert Requisiten, die bereits von der obligaten Filmkolportage abgenutzt sind. Eine Lesbierin, Monokel im maskenhaft geschminkten Gesicht, schiebt ihre Partnerin – tanzen kann man das nicht nennen – gelangweilt über das ridiküle Parkett. Nur wenig Platz ist in diesem phantasielos hergerichteten Etablissement des Lasters, in dem Lulu Station macht, nachdem sie bereits einige Männer in Grund und Boden gerichtet hat.

Frank Wedekind nahm diese Hinrichtung des Mannes bitterernst. Der Regisseur Rolf Thiele – Kenner der erotischen Konfektion – verspricht im Vorspann seines Films eine „burleske Tragödie“. Er will offenbar dem Kinobesucher weismachen, er verstehe sich auf Ironie, auf die satirische Behandlung eines Schauerdramas, das unseren jüngsten Vorfahren Gänsehaut verursachte.

Aber ach – die Pariser Szene ist da exemplarisch –, es langte nur zu einer faustdicken Kolportage, in der das Peinliche hart neben dem Lächerlichen steht.

Lulu will den Dr. Schoen in sinnliche Rage bringen. Was tut sie? Sie absolviert eine Striptease-Darbietung mit jenem Aufwand an Einfallslosigkeit, an dem partout nichts Dämonisches zu bemerken ist. Eher die routinierte Berufsallüre jener Versorgerinnen gelangweilter Männer mit erotischer Ersatzkost, die schon fast ein gesellschaftliches Übel geworden ist.

Wahrhaftig: dieser Film ist auf der Höhe der Zeit, soweit diese von Requisiten der erotischen Unterhaltungsindustrie markiert ist. Von Lulu, wie Thiele sie auffaßt, bis zu Rosemarie Nitribitt, wie sie gleichfalls Thiele unnachsichtig als mit unangemessener Zeitkritik garnierten erotischen Belustigungsgegenstand auf die Filmleinwand gezerrt hat, ist der Weg nur kurz. Oder gar: er ist nicht vorhanden.

Die Schablone war bereits geprägt, als Thiele sich der Kreation des verqueren Moralisten Wedekind zuwandte. Die Plüschverruchtheit der Welt Wedekinds, der in ihr seine exaltierte Moral ablagerte, hat sich in die mit Sentimentalität versetzte mondäne Pose der zwanziger Jahre geflüchtet. Mag sie heute sowieso nicht mehr annehmbar sein: Thiele hat ihr noch tränenfeuchte Lächerlichkeit angeheftet, er hat entschlossen – obgleich er die Texte Wedekinds unablässig zitiert – jede Distanz aufgegeben zugunsten einer aufwendigen, spektakulären Darbietung im Allerweltszuschnitt der Frankfurter Lebedame Rosemarie.