Europas Ruf ist in Gefahr – bei den Hausfrauen. Bisher wissen sie, wie gerade eine Umfrage ergab, nur wenig von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Das wird sich ohne Zweifel nach dem 1. Juli ändern. Die Preise für Eier, Geflügel, Getreide (und folglich auch für Brot), Schweinefleisch, Futtermittel (was sich noch ein zweites Mal auf Fleisch-, Eier- und Hähnchenpreise auswirken kann) werden dann voraussichtlich um 10 bis 20 % steigen – als Folge des Beginns der gemeinsamen EWG-Agrarpolitik.

Nach dem 1. Juli steigen die Preise in der Bundesrepublik, weil das „Abschöpfungssystem“ als gemeinsames EWG-Protektionsverfahren die Einfuhren aus europäischen Partnerstaaten wie aus der übrigen Welt stärker verteuert als bisher. Diese „Abschöpfung“ sollte man besser ein Schleussystem nennen, weil es die Unterschiede zwischen den niedrigeren Importpreisen und den höheren deutschen Preisen nach dem Beispiel der Schleuse beseitigt. Es ist für die Deutschen nicht neu: Bei Getreideeinfuhren wird es bereits seit langem zur künstlichen Verteuerung der Auslandsware angewandt.

Vom 1. Juli an aber schleust man die Preise importierter Nahrungsmittel an den Grenzen der Bundesrepublik nach neuen, „europäischen“ Kriterien herauf – und zwar auf höhere Preise als bisher. Auch das ergeben die EWG-Berechnungen, an denen die Landwirtschaftsminister noch bis zum Ende dieses Monats hart zu arbeiten haben.

Der Verbraucher fragt: Was soll das alles? Die Antwort ist einfach. In den mühsamen Verhandlungen um die Jahreswende über die gemeinsame EWG-Agrarpolitik konnten, wie ersichtlich, recht massive Übergangshilfen für die deutsche Landwirtschaft durchgesetzt werden. Ein Übergang – mehr ist das nicht. Auch der deutsche Bauer muß sich nun auf den unabwendbaren, freieren Agrarmarkt, auf die schärfere Konkurrenz mit den Produzenten der Nachbarländer vorbereiten. Doch dazu hat er noch siebeneinhalb Jahre Zeit.

In dieser Zeit geschieht zunächst etwas sehr Wesentliches: Die vom 1. Juli an geltenden Abschöpfungszuschläge auf Agrareinfuhren aus anderen EWG-Staaten werden schrittweise verringert. Am 1. Januar 1970 gibt es für die Importe aus der EWG überhaupt keine künstliche Verteuerung mehr. Die Ursache der am 1. Juli zunächst eintretenden Preiserhöhung verschwindet also mit der Zeit teilweise. Das ist kein frommer Traum, das besagt schwarz auf weiß die in den Brüsseler Agrarbeschlüssen des 14. Januar als Recht und Gesetz festgelegte europäische Landwirtschaftsordnung.

Damit wird erkennbar: die jetzt beginnende, vorübergehende Verteuerung muß einen Zweck haben. Tatsächlich soll sie den Landwirten die Anpassung an ein gemeinsames europäisches Preisniveau ermöglichen. Damit sind Härten verbunden, weil nicht der allergeringste Zweifel darüber besteht, daß die EWG-Preise – vor allem der Schlüsselpreis für Getreide von 1970 an – unter den deutschen Preisen von heute liegen werden.

Was nun in Brüssel bevorsteht – noch in diesem Jahr – sind Schlachten um den Weizenpreis, um das vernünftige Preisniveau für Nahrungsmittel in Europa. Der für die Landwirtschaft zuständige Vizepräsident der EWG-Kommission, der Holländer Mansholt, umriß seine (bisher weitgehend von der Regierung übernommenen) Ziele: „Das künftige Agrarpreisniveau wird nicht bei den derzeitig höchsten Preisen in der Gemeinschaft liegen können, auch nicht bei den derzeitig niedrigsten.“ Was auf Europas Landwirtschaft zukommt, zeigte Mansholt auf: Das Fernziel sei in Westeuropa und in der Welt ein Agrarpreisniveau, „das sich am rationellsten Produzenten Orientieren kann“.

Brüssel bekennt sich also zu der Aufgabe, durch ein angemessen niedriges EWG-Preisniveau agrarische Überproduktion in der Alten Welt zu vermeiden. Nur so können wir den Farmern in den USA, im Commonwealth oder in Argentinien ihren Absatz in der EWG, dem größten landwirtschaftlichen Importeur der Welt, sichern. Was die Überseefarmer anbieten, sind – auch nach dem unerläßlichen Wegfall ihrer Exportsubventionen – billige Nahrungsmittel. Mit ihnen sollen die leistungsfähigen Landwirte der EWG eines Tages frei konkurrieren – auf niedrigem Preisniveau. Die EWG macht den ersten Versuch der Geschichte, den Wirrwarr auf den Agrarmärkten der Welt zu lichten – mit dem Endziel, dem Verbraucher preiswerte Nahrungsmittel zu sichern. Auf dem Weg dorthin ist der 1. Juli nur die steinige Startstrecke. Hermann Bohle