„Aljoschkas Liebe“ (Sowjetunion; Verleih: Pegasus): Es hat sich herumgesprochen, daß seit dem Tode Stalins auch das Dogma von der Konfliktlosigkeit im sowjetischen Kunstbetrieb verblaßt ist. Für den Film, soweit der Bundesbürger ihn kennt, legten vor allem die Werke Grigori Tschuchrais davon Zeugnis ab. Ganz besonders reizt es, Tschuchrais Film „Der Einundvierzigste“ mit dem hier zur Debatte stehenden Werk der Moskauer Jung-Regisseure Tumanow und Schtschukin zu vergleichen. Erzählt Tschuchrai („Der Klassenkampf ist keine mathematische Angelegenheit“) so ideologisch wie emotionell engagiert von einer reinen Liebe zwischen extremen Klassengegnern, so triumphiert bei Tumanow und Schtschukin die Liebe allein. Als Hilfsgeologe trifft der Jungmann Aloschka im Irgendwo der sibirischen Steppe auf das Bahnwärtertöchterlein Sinka, um gleich in keuscher Leidenschaft zu ihr zu entbrennen. Nach manch mühsam erwandertem, meist wortlos verlaufendem Rendezvous harrt seiner trotz eines wenig dramatischen Ritardandos der holde Lohn. Sinka kommt zu ihm, just als der Bohrtrupp aufbrechen will. Seltsam, zu sehen, wie hier das Tauwetter gesellschaftlichen Auseinandersetzungen als Gemütsbächlein verrinnt. Das Geschehen kennt keine soziale Landschaft. rpk

Amerikanische Filmtage in Kiel

Bereits zur Tradition geworden sind die Filmtagungen an der Universität Kiel. Seit 1956 treffen sich hier jährlich Studenten verschiedener europäischer Universitäten und Filmhochschulen, um über die Kinematographie eines Landes zu diskutieren und Filme zu sehen. Das Gros der Teilnehmer rekrutiert sich aus den studentischen Filmclubs. Diesmal ging es um den amerikanischen Film. Der Pariser Filmhistoriker Jean Mitry referierte über die amerikanische Stummfilmburleske und der Katholik Charles Ford – leider allzu unkritisch – über den „Gigantismus“ im amerikanischen Film. Eine Diskussion über den Wildwestfilm kam, behindert durch Lethargie der Teilnehmer und Übersetzungsschwierigkeiten, kaum über Ansätze hinaus; von Aktualität und kritischer Schärfe war dagegen der Vortrag Dietrich Kuhlbrodts über die Steuerungs- und Beeinflussungsmechanismen der amerikanischen Filmindustrie. Das Programm wies etliche Leckerbissen – so Stroheims „Foolish Wives“ (1921) – auf, ermangelte aber der Koordinierung. Heftig und zu Recht beklagt wurde in Kiel wiederum das Fehlen eines deutschen Filmarchivs, dessen Etablierung in immer fernere Zukunft zu rücken scheint; so mußten die meisten Filme mühevoll im Ausland zusammengesucht werden. grg