HESSISCHER RUNDFUNK

16. Juni, das Hörspiel:

Berlin und die Mauer – einem Hörspiel, das dieses schreckliche und so junge Thema behandelt, begegnet man erst einmal mit stirnrunzelndem Mißtrauen. Aber Ingeborg Drewitz ist mit so hoher Gesinnung und so überzeugendem Können an ihre Arbeit gegangen, daß der besorgte Kritikus sie insgeheim schleunigst für seine Vorschuß-Nörgelei um Verzeihung bitten mußte.

Eine vom System gepeinigte Pfarrerstochter, 18 Jahre alt, und ein Ingenieur, dessen Familie bereits im Westen lebt, finden sich zufällig zu gemeinsamer Flucht. Die Mauer ist nicht zu überwinden, darum wählen sie nachts den Weg durch das stinkende Labyrinth der Kanalisation. Doch die furchtbare Mauer hat bereits „Wurzeln geschlagen“: Der Weg hinüber ist auch unter der Erde mit Stacheldraht versperrt. Die Nacht, der Tag gehen vorbei, und sie erwarten dort unten die nächste kalte Oktobernacht, um im Schutz der Dunkelheit zurückzukehren. Aber die Polizei ist der Flucht, auf die Spur gekommen und überwacht die Kanalschächte. Das Hörspiel läßt das Ende offen.

Das endlose Leiden, wie es uns zumeist nur aus nüchternen kurzen Zeitungsmeldungen bekannt wird, rückt ganz nahe, geschieht vor unseren Augen. Wir bangen – können aber nicht helfen. Über keine der üblichen Autorenversuchungen – Rührseligkeit, Verzerrungen, reißerische Effekte, Agitation, Vordergründigkeit – ist die Schriftstellerin gestolpert. H. K.